Täterarbeit ist Opferschutz

Bilanz nach fünf Jahren „Täterarbeit bei häuslicher Gewalt“

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Der künftige Täterberater Sebastian Göbel, die Leiterin der Diakonie Hochtaunus, Stefanie Limberg, Sozialdezernentin Katrin Hechler, Heinz Rahn, Leiter des Jugendamtes des Hochtaunuskreises, Täterberater Peter Leiding, Ursula Kopp-Salow, Familienrichterin am Amtsgericht Bad Homburg

Hochtaunuskreis (umb) – Im Oktober 2013 haben Kreis und Diakonisches Werk auf Initiative der ehemaligen SPD-Landtagsabgeordneten Petra Fuhrmann und des Arbeitskreises HIP (Hochtaunusinterventionsprojekt bei häuslicher Gewalt) eine Beratungsstelle mit 30 Stunden in der Woche geschaffen.

Sie ist angesiedelt beim Diakonischen Werk und wird vom Hochtaunuskreis bezahlt. In dieser Zeit waren weit mehr als 150 Männer in der Beratung, die an insgesamt über 1. 500 mindestens einstündigen Trainingsterminen teilnahmen. Therapeut Peter Leiding führte außerdem über 150 Gespräche mit den (Ex)Partnerinnen dieser Männer und über 70 Paargespräche mit Frauen und Männern. "In den letzten fünf Jahren haben wir gesehen, wie wertvoll und nötig diese Arbeit ist", sagte Katrin Hechler, Sozialdezernentin des Hochtaunuskreises (SPD): "Wir wollen in den Familien die Kette der Gewalt unterbrechen und die Weitergabe an die nächste Generation verhindern." Jährlich fliehen bundesweit etwa 25.000 Frauen (meist mit ihren Kindern) in Frauenhäuser. Das sind drei Prozent aller von Partnergewalt betroffenen Frauen. Jede vierte Frau (zwischen 16 und 89 Jahren) in Deutschland ist mindestens einmal Opfer von Partnergewalt geworden, zwei Drittel dieser Frauen mehrfach.

Formen der häuslichen Gewalt sind physische Gewalt, soziale Gewalt (Verbote und Kontrolle von Sozialkontakten), psychische Gewalt (Herabwürdigung, Beleidigung, Drohung), ökonomische Gewalt oder auch Stalking. Männer sind zu knapp 90 Prozent die Täter, Frauen die Opfer. Im Hochtaunuskreis gab es laut Polizeistatistik 2016 insgesamt 279 Fälle häuslicher Gewalt. Von 2009 bis 2016 waren es 199 bis 279 Fälle. Das sind wöchentlich durchschnittlich fünf bei der Polizei angezeigte Fälle. Die Dunkelziffer ist allerdings fünfmal so hoch.

Die Männer in der Beratung im Hochtaunuskreis sind zwischen 18 und 72 Jahren alt, der Altersschwerpunkt liegt zwischen 20 und 50 Jahren. Diese Gruppe macht mehr als die Hälfte aus, innerhalb dieser Gruppe überwiegen die 20- bis 30-Jährigen. Die Altersstruktur hängt mit der Kinderphase zusammen, in der es bei Paaren häufiger zu Konflikten kommt – zum Beispiel, weil sich Männer von der Partnerin vernachlässigt fühlen, weiß Leiding zu berichten. Gewalttätige Männer gibt es in allen gesellschaftlichen Schichten, auch im Hochtaunuskreis. Die Männer in der Beratung waren unter anderem Auszubildende, Handwerker, Ingenieure, Lehrer, Gärtner, Rentner, Manager oder Taxifahrer.

Große Verantwortung

Durch Täterarbeit werden die Wiederholungstaten zu etwa 50 Prozent vermieden. Täter, die ein Training erfolgreich durchlaufen haben, und deren Partnerinnen erleben das Training für ihre Beziehung als großen Gewinn. Voraussetzung für eine gelungene Täterarbeit ist die Übernahme der Verantwortung für die eigene Gewalttätigkeit durch den Täter. Wichtige Bestandteile eines Trainings sind die Bearbeitung der eigenen Täter- und Opferbiografie des Klienten. Er muss sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinandersetzen, mit seinem Selbstbild, den eigenen Stärken und Schwächen, seinem Männer- und Frauenbild. Er muss lernen, Empathie mit den Opfern zu entwickeln. Kernpunkt des Trainings ist die kleinschrittige Rekonstruktion der Gewalttat(en) mit dem gesamten Gefühlserleben und Ausstiegsmöglichkeiten aus der Gewaltspirale.

Wichtig ist (wenn möglich) der Kontakt mit der (Ex)Partnerin. Für das Opfer ist der Kontakt selbstverständlich freiwillig. Die (Ex)Partnerin kann wichtige Infos zum Gewaltverhalten des Täters geben und ihr muss auch mitgeteilt werden, wenn der Täter das Training abbricht. Täterarbeit zusammen mit der Partnerin ist ebenfalls möglich. Ein Training mit einem einzelnen Klienten ist auf mindestens 20 Sitzungen angelegt, bei Gruppenprozessen auf 26 Sitzungen.

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