Vor hundert Jahren

Gleiche, geheime, direkte und allgemeine Wahlen

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Aufruf zur öffentlichen Wähler-Versammlung

Oberursel (umb) – Das Frauenwahlrecht ist in aller Munde. Klar: 2019 jährt sich die Einführung zum hundertsten Mal. Und das hatte nicht nur auf die großen Städte Auswirkungen.

Interessant, was die Oberurseler Stadtarchivarin Andrea Bott bei ihrer alljährlichen Suche nach runden Jubiläum zutage gefördert hat: Dass das alte Dreiklassenwahlrecht 1918 im Gefolge der Revolution durch das deutsche Reichswahlgesetz vom 30. November 1918 abgelöst wurde, ist hinreichend bekannt. Nun gab es „gleiche, geheime, direkte und allgemeine Wahlen“. Und Frauen besaßen das aktive und passive Wahlrecht.

Doch räumten Politiker auch ihre Sessel zugunsten von Frauen? Ein Blick in die Einwohnerstatistik des Vorkriegsjahres 1913 verrät, dass sich die Einwohnerzahl von 7.810 Personen zusammensetzte aus 2.624 Männern, 2.862 Frauen und 2.324 Kindern. Im Nachkriegsjahr 1919 hatte sich die (statistische) Schere zwischen männlicher und weiblicher Bürgerschaft geöffnet, nicht zuletzt durch die 224 Gefallenen. Von 7.999 Einwohnern waren 3.768 Männer und 4.231 Frauen. Auf den Listenplätzen zur ersten Kommunalwahl nach dem neuen Wahlrecht am 2. März 1919 traten trotzdem nur 12 Frauen unter 105 Kandidaten zur Wahl an. Lediglich eine Frau schaffte auf Anhieb den Sprung in die Stadtverordnetenversammlung. Margarethe Hager hatte für die USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) auf Listenplatz 3 kandidiert. Als „Nachrückerin“ gelangte Friederike Bröll über Listenplatz 6 des Wahlvorschlags der DDP (Deutsche Demokratische Partei) ebenfalls in das Parlament. So befanden sich unter 24 Stadtverordneten insgesamt zwei Frauen. Beide kandidierten nicht mehr bei der Kommunalwahl 1924. Andere Frauen hatten aussichtslose Listenplätze.

Gleiches galt für die Wahlen 1929 bzw. 1933, als jeweils vier Frauen auf aussichtslosen Listenplätzen kandidierten. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Stadtverordnetenversammlung durch Verordnung vom 7. Februar 1933 aufgelöst. Bei der ersten demokratischen Kommunalwahl 1946 errang Karoline Sinai einen Sitz, ihr folgten 1948 zwei weitere Frauen. Heutzutage ist ein Drittel der Stadtverordneten weiblichen Geschlechts.

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