Symposium „Wir, die Stadt“ diskutiert über digitale Beteiligungsformate

Visionen und Nimy-Effekte

Symposium im Museum für Kommunikation: Podium zwischen Postkutsche und Elektromobilität mit Julian Petrin, Christine Riedmann-Streitz, Casimir Ortlieb und Moderator Arne Henkes (von links). Foto: Faure

Sachsenhausen (jf) – Die Luft in der Stadt schlägt nicht mehr auf Bronchien und Lunge, Blechlawinen und Staus gehören der Vergangenheit ebenso an wie die lange und nervige Suche nach einem Parkplatz. Eine Vision? Nicht ganz.

Wie beim Symposium „Wir, die Stadt“ verdeutlicht wurde, will Helsinki beispielsweise bis 2025 autofrei sein. Fast zumindest. Das Konzept beinhalte auch eine App, mit der ein Nutzer entscheidet, welches Verkehrsmittel zwischen Leihrad, Mietwagen, Taxi oder Bus er gerade braucht. Insgesamt gibt es in Helsinki über 80 Projekte zu innovativer Mobilität. Die werden gemeinsam mit den Bürgern entwickelt. Und in Deutschland? Da stehen noch viele Hürden auf dem Weg.

Das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation und Ströer Media Deutschland hatten zu einem Symposium ins Museum für Kommunikation eingeladen, um über digitale Beteiligungsformate zu sprechen. In der Abschlussrunde nahmen Experten dazu Stellung, wie digitale Bürgerbeteiligung gelingen kann. „Wir setzen auf flexible Mobilität“, sagte Casimir Ortlieb von e.GO Digital Aachen. Das Unternehmen entwickelt digitale Geschäftsmodelle. Julian Petrin von Urbanista Hamburg verwies auf lange Erfahrungen bei Beteiligungsformaten, 1999 hatte er damit begonnen. „Es geht nicht darum, in welcher Stadt der Zukunft wir leben werden, sondern in welcher wir leben wollen“, äußerte Christine Riedmann-Streitz, MarkenFactory Frankfurt.

In Hamburg-Ottensen wurden ab September unter dem Motto „Ottensen macht Platz“ testweise für sechs Monate autofreie Zonen eingerichtet. „Das Auto ist extrem politisch aufgeladen. Man kann es nicht allen recht machen und muss Widerstand aushalten“, bemerkte Petrin dazu. Außerdem gebe es wie bei Windrädern den Nimby-Effekt: Grundsätzlich sind Neuerungen ja positiv zu bewerten, aber „not in my backyard“ – sprich: Nicht vor der eigenen Haustür.

„Wir sollten weniger über Verzicht und besser über Mehrwert sprechen“, riet Riedmann-Streitz. „Fakt ist doch: Überall verändert sich Mobilität. Aber keiner hat Lust auf Veränderung. Große Ziele sind schnell formuliert, die Umstellung vor der Haustür dauert“, sagte Petrin. Deshalb seien zugkräftige Bilder und Beispiele und Kontinuität wichtig. „Die Stadt ist ein verdichteter Kulturraum mit einer Identität. Das muss man nutzen“, erklärte Riedmann-Streitz.

„Der Mobilitätswandel birgt viele Herausforderungen. Wer ist wo der Ansprechpartner? Wie können alle mit ins Boot geholt werden? Wie können Städte vor Übergriffen diverser Unternehmen geschützt werden? Die Grundversorgung kommt dabei immer vom öffentlichen Verkehrsbetreiber“, fügte Ortlieb hinzu.

Der Wandel müsse moderiert und gestaltet und nicht übergestülpt werden. Grundlegend seien eigene Erlebnisse – beispielsweise ein Besuch in Helsinki. Das überzeuge mehr als Konzepte, stellten die Experten fest.

In der anschließenden offenen Diskussion warnte Heiner Monheim, Professor für Angewandte Geografie an der Universität Trier: „Bürgerbeteiligung ist gut, darf aber nicht ausufern und wie gerade in der Schweiz zur Ermüdung führen.“

Im Schlusswort des Symposiums stellte Alanus von Radecki, Geschäftsführer von Morgenstadt, Netzwerk für nachhaltige Stadtentwicklung der Fraunhofer-Gesellschaft, fest: „Wir haben die Bürger auf der einen und die Stadt auf der anderen Seite. Beide müssen miteinander ins Gespräch kommen, analog und digital. Dabei geht es um Wahrhaftigkeit. Wie man öffentliche Räume nutzen und gestalten kann, ist zu klären. Die Stadt muss transparent agieren, die Bürger erwarten Feedback. Wir brauchen konkrete Visionen wie Helsinki und gute Lösungskonzepte.“

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