Auf Adipositas aufmerksam machen

Der Weg ist das Ziel: Reise gegen Diskriminierung

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Markus Alexa nder und Martina Jürges, rechts Camino-Mitinitiator Faris Abu-Naaj im Mediparg beim zw eiten Fitness-Test.

Sachsenhausen (jf) – Physiotherapeut Michael Brenner ist ein gefragter Mann an diesem Mittag im Mediparg am Krankenhaus Sachsenhausen. Zehn der insgesamt 28 Camino-Wanderer nahmen am letzten Fitnesstest teil – Zwei Fernsehteams wollten sie dabei filmen.

Unter diesen besonderen Pilgern sind auch Mark Alexander und Martina Jürges sowie der Autor Faris Abu-Naaj, der seine Erfahrungen mit einer Magenbypass-OP in einem Ratgeberbuch festgehalten hat und sich für Adipositaspatienten einsetzt. 2018 hat er mit Adipositas Selbsthilfegruppen und dem Adipositas-Zentrum am Krankenhaus Sachsenhausen das Camino-Projekt ins Leben gerufen. Eine zwölfköpfige Gruppe – darunter acht Frauen – wanderte in zehn Tagen die rund 120 Kilometer vom spanischen Sarria bis nach Santiago de Compostella. „Aufgeben war nie eine Option“, erinnert sich Mark Alexander (38), der beim ersten Camino dabei war und auch den zweiten, der für die eine Gruppe in Porto beginnt und über 240 Kilometer lang ist, bewältigen will. Er wog über 180 Kilogramm. „Als mir bewusst wurde, dass ich mit meinen Kindern nicht mehr Fußball spielen kann, musste ich etwas tun“, sagt er. Vor sechs Jahren ließ sich der Gießener operieren, hat um die 100 Kilo abgenommen und macht seit zwei Jahren Kraftsport; „eine Art Ersatzdroge“, sagt er. Den Camino beschrieb er so: „Ich war als Sprintwagen auf einem 14-Stunden-Rennen unterwegs.“ Blasen, die falschen Schuhe, alles vergisst man am Ziel.

Ähnlich erging es Martina Jürges (62). „Ich bin mit meiner Zwillingsschwester gelaufen, die wird nun im Mai nicht mit dabei sein. Nach zwei Hüft- und einer Knie-OP werde ich ‚nur’ die etwas mehr über 100 Kilometer lange Strecke vom portugiesischen Tui aus wandern“, erklärt sie lachend. Als sie vor einem Jahr mit ihrer Schwester in Santiago ankam, haben beide vor Glück geweint. Martina Jürges will es erneut wissen: „Das Rheuma ist zwar schlimmer geworden, aber ich probiere es trotzdem“, sagt sie selbstbewusst. Schließlich hat sie in anderthalb Jahren 45 Kilogramm abgenommen und treibt heute viel mehr Sport.

Seit 2001 beschäftigt sich Dr. Plamen Staikov mit Adipositas-Chirurgie. Seit 2014 arbeitet er im Krankenhaus Sachsenhausen und ist dort Ärztlicher Direktor und Chefarzt und leitet das Adipositas-Zentrum. Die Fitness-Tests der Teilnehmer sind wichtig: „Ein Check schützt vor Überraschungen. Natürlich ist auch die eigene Vorbereitung ernst zu nehmen.“ Den ersten Test haben alle 28 Camino-Teilnehmer bestanden.

Sie setzen mit ihrer Wanderung auf dem Jakobsweg ein Zeichen. Adipositas ist eine große Herausforderung. 1,5 Millionen Deutsche haben einen Bodymassindex (BMI) über 40. „Eigentlich sollte man Adipositas ab BMI 30 behandeln. Leider wird in Deutschland das Problem eher verwaltet“, stellte Staikov fest. Je länger man wartet, desto schwieriger wird eine Behandlung; die Patienten werden immer kränker, es treten Neben- und Folgeschäden auf. „Strikte Prävention und sinnvolle Informationen über Ernährung, die bereits im Kindergarten beginnen und die Eltern einbeziehen müssen, sind wichtig. Das Wissen der letzten 20, 30 Jahre müssen wir so unterbringen, dass es der Gesundheit dient“, fordert Staikov.

Er sieht in genetischer Vorbelastung, dem Überangebot an Kalorien und fehlender Bewegung die Gründe für Adipositas. Die Krankheit ist nicht heilbar, aber behandelbar. Die Gesellschaft stigmatisiert nach wie vor die Kranken. Auch dagegen begeben sich zwei Gruppen auf den Camino. Sie wollen am 18. Mai, dem Europäischen Adipositas-Tag, in Santiago de Compostella ankommen.

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