Städel zeigt Zeichnungen von 40 Künstlern

Neue Ausdruckswege

Zur Ausstellung „Große Realistik & Große Abstraktion“ im Städel ist ein opulenter Katalog erschienen. Foto: Faure

Sachsenhausen (jf) – Im Städel geht es tatsächlich Schlag auf Schlag – gerade wurde „Making van Gogh“ eröffnet, schon gibt es die nächste große Ausstellung im Museum am Schaumainkai 63.

Diesmal werden im ersten Obergeschoss des Peichl-Baus rund 100 außergewöhnliche Zeichnungen von Max Beckmann über Georg Baselitz, Lyonel Feininger, Jörg Immendorff, Anselm Kiefer, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Markus Lüpertz, Ernst Wilhelm Nay, A. R. Penck bis Werner Tübke gezeigt – um nur einige Künstler zu nennen. Alles Männer. Die Frauen leiteten und leiten – wie Jutta Schütt und ihre Nachfolgerin Regina Freyberger und Kuratorin Jenny Grasser – die Grafische Sammlung mit großem Fachwissen und feinem Gespür.

„Die heutige Kunst geht von zwei Hauptpunkten aus: Erstens zu der großen Abstraktion, zweitens zu der großen Realistik. Diese zwei Pole eröffnen zwei Wege, die schließlich zu einem Ziel führen“, äußerte Wassily Kandinsky 1911. Genau diese Worte gaben der Ausstellung den Titel: „Große Realistik & Große Abstraktion. Zeichnungen von Max Beckmann bis Gerhard Richter“.

Der aus Leipzig stammende Beckmann erlebte den Ersten Weltkrieg und seine Schrecken als Sanitätshelfer. „Ich habe gezeichnet, das sichert einen gegen Tod und Gefahr“, schrieb er seiner Frau. Dennoch erlitt er im Juli 1915 einen Nervenzusammenbruch und erholte sich bei Ugi und Fridel Battenberg in Frankfurt in der Schweizer Straße. Aus ursprünglich angedachten einigen Tagen wurde ein vierjähriger Aufenthalt. Frankfurt beeinflusste Beckmann stark.

Als Kind hatte Ernst-Ludwig Kirchner zeitweise in Frankfurt gelebt, doch erst spätere Aufenthalte schlugen sich in seinen Werken nieder, so wie beispielsweise in „Der Eiserne Steg und die Dreikönigskirche in Frankfurt“, 1915. Zehn Jahre vorher hatte Kirchner mit Erich Heckel, Fritz Bleyl und Karl Schmidt-Rottluff die expressionistische Künstlervereinigung „Brücke“ gegründet. Ziel war es, neue künstlerische Ausdruckswege zu finden und Konventionen zu überwinden. Farbe und Form standen im Mittelpunkt, waren fast autonom. Künstler wie Emil Nolde und Max Pechstein schlossen sich an. 1913 löste sich die „Brücke“ auf. Schmidt-Rottluff hatte bei Hanna Bekker vom Rath in Hofheim von 1932 bis 1972 sein jährliches Urlaubs- und Arbeitsdomizil.

Zunehmend abstrakter wurde die Malweise in den 1920er und 1930er Jahren. Bis die Nazis nicht nur der Freiheit künstlerischer Ausdrucksweise einen Riegel vorschoben, viele Künstler nicht mehr malen und ausstellen durften. Nach dem Zweiten Weltkrieg suchte eine junge Generation nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, jenseits etablierter Kunstströmungen. Paris wurde wieder zu einem Zentrum moderner Kunst. Eine neue Strömung, das Informel, entstand; zarten Lineaturen stehen flächig-breite Farbwirbel gegenüber. Es wird gezeichnet, gemalt, geritzt, getropft, geschüttet, geschichtet. Neue Zeichenmittel werden ausprobiert. Karl Otto Götz, Bernard Schultze, Heinz Kreutz und Otto Greis, die „Quadriga“, stellten 1952 in der Frankfurter Zimmergalerie Franck erstmals „informelle Kunst“ aus. Eine kurzlebige Strömung, einige Jahre später malten die Künstler gegenständlich und abstrakt, beides hatte seine Berechtigung – so zeigt die Ausstellung „Filzblock -Braunkreuz“, 1964, von Joseph Beuys und „Oberon“, 1963/64, von Georg Baselitz sowie das an die Alten Meister erinnernde „Bildnis Ingrid Ziglow“, 1961, vom Leipziger Künstler Werner Tübke.

Etwa 1800 Blätter umfasst der Bestand deutscher Zeichnungen aus dem 20. Jahrhundert in der grafischen Sammlung. Die Erforschung dieses Konvoluts wurde von der Stiftung Gabriele Busch-Hauck unterstützt, das Ergebnis ist bis zum 16. Februar 2020 im Städel zu sehen.

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