Jürgen Voß stellt seine Bilder bei Schlüsseldienst aus

Malen mit der Lupe

Jürgen Voß liebt das Malen, auch wenn er mittlerweile eine große Lupe dafür braucht. Foto: Faure

Sachsenhausen (jf) – Abstrakte Muster, farbenfroh, nahezu expressionistisch. Starke Kontraste, Silhouetten, Porträts, ein weiblicher Torso in warmen Farben. Insgesamt 26 Bilder von Jürgen Voß hängen in den Räumen des Schlüsselscouts von Thomas Appel in der Elisabethenstraße 16.

„Vor etwa zwei Monaten kam Jürgen Voß ins Geschäft und fragte, ob er seine Bilder hier ausstellen und möglicherweise verkaufen könne. Warum nicht, habe ich ihm gesagt. So sind wir zueinander gekommen“, erzählte der Schlosser, der seit Juni den Schlüsseldienst betreibt und neben Schlüsseln jeder Art auch Notöffnungen anbietet.

Die Kunden interessieren sich für die Bilder, sie kosten zwischen 40 und 180 Euro, alles Originale. Sie hängen mindestens noch bis zum 8. Dezember beim Schlüsseldienst, ob dann, wenn ein DHL-Shop dazukommt, noch Platz ist, wird man sehen.

Im Martha-Haus, nur ein paar Minuten vom Schlüsselscout entfernt, hat Jürgen Voß gerade gegessen und unterhält sich noch mit der Dame an der Rezeption. „Heute Vormittag war ich in Bonames und habe gearbeitet“, erzählt er später. Gearbeitet? Voß lacht und erklärt: „Im Sozialzentrum am Burghof vom Frankfurter Verein gibt es eine Werkstatt, in der ich auch mit Lösungsmitteln und Firnis hantieren kann und die Gerüche niemanden belästigen. Es ist wunderbar, dort arbeiten zu können. Und man kommt mit anderen Leuten ins Gespräch.“

Im Martha-Haus bewohnt Voß ein geräumiges Zimmer mit Blick auf den Garten. Hinter den Bäumen ist die Skyline mit dem Maintower erkennbar.

Jürgen Voß wurde 1933 in Hamburg geboren, der Dialekt verrät, dass er aus dem Norden kommt. Dabei kam er 2015 eigentlich aus dem Süden, aus Brasilien zurück nach Deutschland. 1952 besuchte er die Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, 1956 fuhr er mit einem Frachtschiff nach Brasilien. Dort war er freiberuflicher Maler und zeitweise im Dienst einer amerikanischen Ölfirma, bei der er für Catering zuständig war.

„Ich habe immer schon gemalt, bin eigentlich Musterzeichner, aber den Beruf in der Textilverarbeitung gibt es ja heute nicht mehr“, erklärt Voß, der perfekt Portugiesisch spricht. Große Städte wie Hamburg, Sao Paulo, Rio de Janeiro mag er. „Aber gewohnt habe ich immer außerhalb“, fügt er hinzu. Nur eben in Frankfurt lebt er nahezu mittendrin. „Das war Glück im Unglück. Als ich 2015 in Frankfurt ankam, hatte ich noch auf dem Flughafen einen Herzanfall und kam ins Klinikum Höchst.“ Jürgen Voß wohnte zunächst im Sozialzentrum am Burghof, seit 2017 lebt er im Martha-Haus. Dass er schwer krank war, ist ihm kaum anzumerken, zumindest nicht auf den ersten Blick. „Meine Augen werden aufgrund einer Makuladegeneration immer schlechter. Ich brauche eine starke Lupe zum Malen“, sagt er und zeigt, wie das geht.

Zurzeit sitzt er an einem Frauenporträt, es ist halb fertig. Mehr als 500 Bilder hat der 86-Jährige gemalt, dazu Wände in Restaurants und Hotels in Brasilien gestaltet. „Man darf sich nicht aufgeben“, sagt er. Es sei nichts für ihn, auf dem Zimmer auf die nächste Mahlzeit zu warten. „Ich bin gerne draußen, auch wenn ich nicht mehr weit laufen kann, weil mir die Luft fehlt. Aber ich kann ja mit Bussen und Bahnen fahren“, erklärt er optimistisch.

Frankfurt habe viel Grün, genau wie Hamburg. Deshalb sei Frankfurt ein guter Platz für ihn. Und inzwischen hat der kontaktfreudige Maler viele nette Menschen gefunden. Außerdem hat er noch jede Menge Bilder im Kopf.

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