Wo sich die Wildnis aus der Deckung wagt

Exkurs zum Monte Scherbelino

Eine Wacholderdrossel am Monte Scherbelino. Foto: Stefan Maurer/ p

Sachsenhausen (red) – Viele Frankfurter dürften beim Blick auf den Monte Scherbelino nostalgisch in Kindheitserinnerungen schwelgen, Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit, in der man Cowboy und Indianer spielte oder mit dem Schlitten den Hang hinab rodelte.

In den 70er Jahren war die einstige Mülldeponie ein einziger Abenteuerspielplatz. Dorthin floh man, wenn die Luft im Stadtinneren mal wieder zu stickig wurde. Doch irgendwann war die Gefahr allgegenwärtig, die weiterhin von den austretenden Schadstoffablagerungen, von Ölen und Schwermetallen unter der Erdoberfläche ausging. Das 24 Hektar große Gebiet wurde 1989 zur Altlast erklärt und abgesperrt, der Abfluss der Giftstoffe ins Grundwasser abgewendet und die Natur übernahm das Kommando.

„Am Fuß des einstigen Müllbergs im Stadtwald hat Frankfurt einen Raum für die freie Entfaltung der Natur geschaffen. Wir befinden uns hier in einem spannenden Labor der Biodiversität“, sagt Umweltdezernentin Rosemarie Heilig. „Aus Sicherheitsgründen wird der Zugang zum Monte Scherbelino auch in den nächsten Jahren nur unter fach- und ortskundiger Führung möglich sein. In dieser Zeit werden wir weiter beobachten können, welche Pflanzen von alleine wachsen und welche Tiere sich diesen Lebensraum erobern. Hier entsteht eine Schatzkiste der Biodiversität.“

Was passiert, wenn sich der Mensch weitestgehend zurückzieht, weiß Frieder Leuthold, der für das Umweltamt Frankfurt das Projekt „Städte wagen Wildnis“ am Nordpark Bonames und eben am Monte Scherbelino in Frankfurt zum Leben erweckt hat. „Städte wagen Wildnis“ ist eine bundesweite Initiative, die es sich in den Städten Hannover, Dessau und Frankfurt zur Aufgabe gemacht hat, ausgewiesene Flächen im urbanen Raum der Natur zu überlassen.

Das Ergebnis sind „eine enorme Insektenvielfalt, zahlreiche Wasservogelarten, die mindestens auf Besuch vorbeischauen und Uhu, Neuntöter oder Flussregenpfeifer, die sich schon heimisch fühlen“, erzählt Leuthold und deutet dabei auf den Weiher, der mit einer kleinen Insel in der Mitte vor dem ehemaligen Schuttberg ruht. Vom Volksmund wurde er einst Cola-Weiher getauft, da das Wasser beinahe pechschwarz gefärbt war. Inzwischen schimmert es in einem satten Grün, passend zur unglaublich vielfältigen Vegetation ringsherum. Eine Entenfamilie dreht ihre Runden, hier und da wirbelt ein Vogel die Wasseroberfläche auf und im hohen Gras erfüllt das Zirpen der Heuschrecken die Luft. Nicht durch Lautstärke, sondern durch ein schillerndes Farbenkleid macht die Blauflügelige Ödlandschrecke auf sich aufmerksam. Bis auf Flugzeuge, die immer wieder über das Areal hinweg in die Ferne aufbrechen, ist es beinahe gespenstisch ruhig. „Der Fluglärm stört die Tiere überhaupt nicht“, sagt Leuthold. „Die Natur ist unglaublich flexibel und genügsam, wenn wir ihr nur den Raum geben.“

Flächen wie hier am Monte Scherbelino braucht es auch, um den Bestand der Wildbienen zu stärken. Sie brauchen die Pflanzenvielfalt der offenen Wildnis. Die sogenannte Biozönologie, die Lehre vom Zusammenspiel verschiedener Lebensorganismen, beschreibt, dass sich zum Beispiel eine bestimmte Tierart nur dann ausbreiten kann, wenn sie ein bestimmtes Pendant aus der Pflanzenwelt vorfindet. Da die Flora hier so facettenreich gedeiht, finden über 50 Wildbienen-Arten ihre „Lieblingsblüte“.

So ganz unberührt ist die Natur aber auch hier nicht geblieben. Damit möglichst viele Arten einen perfekten Lebensraum finden, hat man der Vegetation an manchen Stellen auf die Sprünge geholfen. Zum Beispiel laden große Steinhaufen die Zauneidechse zum Nickerchen oder Sonnenbaden ein, aufgeschüttete Kiesbetten bieten dem Flussregenpfeifer einen Landeplatz und gepflanzte Baumreihen sind für viele Vogelarten eine willkommene Sitzgelegenheit. Den Rest regelt Mutter Natur auf eigene Faust. Die große freie Fläche ist erst der Anfang einer Entwicklung. Noch ragen die jungen, neu gepflanzten Bäume gerade so aus der Graslandschaft heraus. In einigen Jahren werden sie mit ihren mächtigen Kronen viel Sonnenlicht abfangen und so für einen schattigen Boden sorgen. Die Vegetation wird sich erneut verändern, einige Arten werden wieder verschwinden. Doch all das ist Teil eines natürlichen Kreislaufs.

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