Neue Tafel und große Spurensuche

Gedenkveranstaltung auf Platz der ehemaligen Synagoge

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Schüler der Leibnizschule musizieren, auf dem Bunker ist das Bild der ehemaligen Synagoge zu sehen.

Höchst (jf) – Auf dem Ettinghausenplatz ersteht an diesem Abend die vor 80 Jahren zerstörte Synagoge wieder auf. Ein an die Wand des Bunkers projiziertes Bild machte das möglich. Viele Menschen hatten sich rund um den Platz eingefunden.

Das Saxofontrio der Leibnizschule leitete die von der AG Geschichte und Erinnerung organisierte Veranstaltung musikalisch ein. Petra Scharf moderierte und wies auf den gezielt gelegten Brand an der Synagoge am 10. November 1938 hin. „In jenen Tagen wurden auch die letzten jüdischen Geschäfte zerstört“, sagte sie. Noch lebten damals 70 Juden in Höchst, viele waren bereits geflohen.

„Die Geschichte lehrt uns: Wir müssen einschreiten, wenn Unmenschlichkeit Raum greift“, mahnte Scharf. Und die jungen Leute müssen erreicht werden. Beispielhaft dafür steht das Projekt „Nachspüren“ der Leibnizschüler. Ein Jahr hatten Mädchen und Jungen aus verschiedenen Klassenstufen geforscht, Gedenkorte besucht, Zeitzeugen getroffen. Ihre Ergebnisse zum Schicksal ehemaliger jüdischer Leibnizschüler haben die Jungen und Mädchen künstlerisch verarbeitet, eine Graphic Novel ist entstanden, figürliche Szenen in Schuhkartons wurden zusammengestellt und Installationen angefertigt.

In der Gedenkstunde wurden die Schicksale von Manfred Marx, Berthold Baum, Herbert Holzmann, Otto Schiff, Lothar Ludwig Salomon und Theodor Rosenfeld von den Schülern nachgezeichnet, die Fotografien der jüdischen Jungen waren auf der Bunkerwand zu sehen. „Die Jugendlichen konnten damit ihre Schulgeschichte erhellen“, unterstrich Petra Scharf und verwies auf eine sehenswerte Ausstellung im Foyer der Schule.

Anschließend schilderten Projektteilnehmer ihre Eindrücke: „Der Besuch von Eva Szepesi war beeindruckend.“ „Als Otto Schiff in unsere Schule kam, war das die größte Ehre für uns.“ „Dieses Projektjahr war eine besondere Erfahrung.“ Der Pfarrer im Ruhestand Albert Seelbach, im April 1938 geboren, hat später erfahren, dass am 9. November 1938 rund 1400 Synagogen zerstört wurden. „Die Judenverfolgung erreichte eine neue Dimension“, stellte Seelbach fest. Erst spät begann in der Bundesrepublik die Aufarbeitung der Ereignisse. „Jetzt ist es an der Zeit, Antisemiten und Rassisten die Rote Karte zu zeigen“, forderte er. Nicht Migration sei „die Mutter aller Probleme“, sondern „engstirnige Politiker sind die Väter aller Probleme“, erklärte der Redner unter Beifall. Europa dürfe keine Festung sein und sich Flüchtlingen gegenüber abschotten. Dabei gibt es erschreckende Parallelen, wie Petra Scharf aufzeichnete.

Nach dem berührenden musikalischen Vortrag der Titelmelodie aus dem Film „Schindlers Liste“ enthüllten Waltraud Beck und die Stadträtin Elke Sautner die neue Tafel, die an die ehemalige Synagoge und das Schicksal der Höchster Juden erinnert.

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