Vortrag über Alkoholmissbrauch im Markus Krankenhaus

Sucht-Mediziner attackiert DFB

Christoph Fehr beklagt im Markus Krankenhaus den Umgang mit Alkohol in Deutschland. Foto: Haas

Ginnheim (oh) – Das Thema Alkoholsucht bewegt. Mehr als hundert Besucher kamen vergangene Woche zum Vortrag von Professor Christoph Fehr, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Agaplesion Markus Krankenhaus.

In der Reihe „Medizin im Dialog“ informierte der Mediziner zum Thema „Alkoholismus: Entstehen und Behandlung einer Volkskrankheit“. Nach einem kurzen Abriss über die Historie des Alkoholkonsums legte er schonungslos dar, wie stark der Giftstoff vor allem in Deutschland unterschätzt wird. Er sagte: „Wenn ein Mann mehr als ein Bier täglich oder eine Frau ein kleines Bier trinkt, dann ist das schon ein riskanter Alkoholkonsum. “ Seine vorgestellten Zahlen überraschen daher nicht. Laut Statistik betreiben etwa 7,8 Millionen Deutsche riskanten Alkoholkonsum. Sie seien damit gefährdet, in die nächste Stufe, den Alkoholmissbrauch, zu rutschen. Er erklärt: „Dieser liegt vor, wenn ich mir etwa vornehme, an einem Abend nur ein Bier zu trinken, dann doch mehr daraus werden und ich nicht mehr aufhören kann. “.

Wenn die Gedanken um Alkohol kreisen, sei es ein Alarmsignal. Auch Alkoholgenuss als Grund, sich abends zu „entspannen“, sei ein schlechtes Zeichen. Falls jemand glaubt, dass es gut sei, wenn er besonders viel Alkohol verträgt, sei dies eine Fehleinschätzung. „Je weniger ich die negativen Auswirkungen des Alkohols spüre, umso gefährdeter bin ich, alkoholkrank zu werden“, stellt er klar.

In Deutschland sind laut aktuellen Daten 3,3 Millionen Menschen von einer Alkoholerkrankung betroffen. Damit befinde man sich in Europa auf einer traurigen Spitzenposition. Und dies habe Gründe. Fehr nennt zwar neueste Erkenntnisse, wonach der Hang zum Alkoholismus mit etwa 55 Prozent auch genetische Veranlagung sei. Aber er prangert vor allem auch die kulturellen und politischen Einflüsse an, die den Missbrauch des Suchtmittels Alkohol in Deutschland stark begünstigen. „Es kann nicht sein, dass in vielen Kneipen Alkohol das günstigste Getränk ist“, sagt er. Und auch der Deutsche Fußball Bund (DFB) bekommt sein Fett weg: „Ein Unding, dass der DFB mit Bitburger Werbung macht. Die Botschaft für Jugendliche, dass es schick und sportlich ist, Bier zu trinken, ist fatal“, sagt Fehr. Ebenso prangert er an, dass Alkohol in Deutschland viel zu leicht zu bekommen sei. Dabei zeige ein Blick ins Ausland, dass gewisse politische Steuerungen positive Auswirkungen haben. So habe Russland durch eine starke Verkaufseinschränkung gute Erfolge erzielt.

Die wenigen Lichtblicke seiner Ausführungen waren die mittlerweile guten Therapien. Das Problem ist aber, dass von den 3,3 Millionen erkrankten Patienten aus Kostengründen letztlich nur ein kümmerlicher Rest von 23.600 übrig blieben, die eine gute stationäre Entwöhnungsbehandlung starten können. Fehrs Fazit: „Alkoholismus ist eine Erkrankung, die in Deutschland nicht zurückgeht.“ Es liege daran, dass die Behandlung oft nicht von der Kasse übernommen wird. Die Politiker stünden leider zu sehr unter dem Einfluss der Bierbrauer- und Weinlobby.

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