Dokumentarfilm im Erzählcafé

Die Sirenen sind immer noch schlimm

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Barbara Steffan, Jeannette Nold und Heiko Arendt im Erzählcafé Kriegskinder.

Nieder-Eschbach (jf) – „Wenn es brennt, tauch’ den Mantel ins Wasser und häng’ ihn dir nass um!“ So hatte es Lotte-Lus Vater, die heute Gerlich-Kirch mit Nachnamen heißt, geraten. Das war wohl 1944 gewesen, als Frankfurt wiederholt bombardiert wurde.

Das hat das junge Mädchen auch beherzigt. Ein Wunder, dass sich die Familie am nächsten Tag wohlbehalten im Ostpark wiederfand. Das Leben gerettet, alles andere verloren. In seinem Dokumentarfilm, unterlegt mit den Berichten von Lotte-Lu Gerlich-Kirch, zeigt Heiko Arendt das zerstörte Frankfurt. Rund 75 Luftangriffe veränderten die Stadt für immer. „Wir haben die Bombennächte nicht verarbeitet“, sagt Gerlich-Kirch im Film. Als 17-jährige erlebte sie den Schrecken des Krieges. Schließlich kamen Ende März 1945 die Amerikaner über die einzig noch nicht vollständig zerstörte Brücke, die heutige Friedensbrücke, von Süden her über den Main.

„Eigentlich wollte ich einen Dokumentarfilm über die Brücke machen. Dann sah ich die Szene, in der zwei amerikanische Soldaten einen jungen deutschen Flakhelfer durchsuchen. Und wusste, dass ich etwas über das Leben der Menschen in Kriegszeiten zeigen wollte“, erläuterte der Soziologe, Fotograf und Filmemacher Heiko Arndt.

Der Film, den Arndt nach Fertigstellung 2017 nun zum zweiten Mal zeigte, berührte die Menschen, die sich im Begegnungs- und Servicezentrum des Frankfurter Verbands im Ben-Gurion-Ring zusammengefunden hatten. Die meisten waren Kinder, als sie den Zweiten Weltkrieg erlebten. „Im Grunde genommen waren wir schuld an diesem Inferno, wir haben angefangen“, bemerkt Gerlich-Kirch am Schluss des Filmes.

Aber wie ist das mit der Schuld? Die Kinder von damals steckten sicher nicht hinter dem Krieg, sie litten darunter. „Aber wie konnten damals Menschen von der Richtigkeit des Krieges überzeugt werden?“, fragte Arendt nach. Euphorisch sei das Volk gewesen, einer gezielten Propaganda auf den Leim gegangen, meinte eine Dame.

Außerdem hätten wohl Disziplin und Gehorsam eine Rolle gespielt, keiner hätte sich getraut, aufzumucken. Viele Erlebnisse kamen zutage in diesem Erzählcafé. Gisela Nyman hat ein Buch geschrieben: „Meine Enkel haben gefragt, sie wollten wissen, was passiert ist“, sagte sie. Einig war man sich darüber, dass es nie wieder Krieg geben darf. Andreas Wagner, der Schutzmann vor Ort, fragte die Zeitzeugen, ob sie vielleicht mit in Schulen kommen und über ihre Erlebnisse sprechen wollten. Jeannette Nold, die Leiterin des Begegnungszentrums, legte eine Liste aus – wer dazu bereit war, konnte sich eintragen.

2016, so erläuterte Barbara Steffan, Sozialarbeiterin des Caritasverbandes Frankfurt, begründete sie gemeinsam mit Nold das Erzählcafé Kriegskinder. In unregelmäßigen Abständen kommen Interessierte, auch später Geborene, zusammen. „Auch heute sind viele beim Geheul der Sirenen im Film zusammengezuckt. Das erschreckt die Menschen noch immer“, stellte Steffan fest. Die Vergangenheit ist also nicht vergangen. Aber die Erlebnisse lassen sich leichter verarbeiten, wenn man darüber spricht.

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