Interview mit Sigrid Kemler von der Familienbildungsstätte

„Ich mache mir große Sorgen!“

Sigrid Kemler ist die pädagogische Leiterin der katholischen Familienbildungsstätte. Foto: p

Heddernheim (red) – Sigrid Kemler ist die pädagogische Leiterin der Katholischen Familienbildungsstätte Frankfurt. Im Interview spricht sie über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ihre Arbeit.

Welche Situation erleben Sie aktuell mit Sitz in der Nordweststadt?

Kemler: Die Nordweststadt ist ein Wohngebiet der Gegensätze, ländliche Idylle liegt neben Betonklötzen. Die Bewohner sind interkulturell und interreligiös – mehr als 50 Prozent der Menschen in der Nordweststadt haben einen Migrationshintergrund. Momentan spüren wir, dass die Belastungen in den Familien zunehmen. Viele haben Geldsorgen und Existenznöte, das kostenfreie Schulessen entfällt, sie leben in kleinen Wohnungen ohne Kinderzimmer, sind alleinerziehend, durch Homeschooling und Homeoffice überlastet. Wir wissen von Familien, die durch Missverständnisse und sprachliche Barrieren tagelang ihre Wohnung nicht mehr verlassen (haben), und Eltern, die aus Angst vor Ansteckung ihre Kinder nicht mehr nach draußen lassen. Es gibt Gewaltprobleme und Spannungen in Beziehungen. Eltern geraten in Stress- und Überforderungssituationen und sind einfach nur mit Überleben beschäftigt. Da können Situationen eskalieren. Schwachstellen und Probleme zeigen sich deutlicher denn je. Gleichzeitig erreichen wir die Familien momentan nur sehr schwer, weil unsere normalen Angebote wegfallen. Wichtige Frühwarnanzeichen bei einer familiären Überlastung oder bei häuslicher Gewalt können von uns nicht gesehen werden. Unsere Corona-Hotline wird zwar angefragt, aber nur von den Familien, die das Telefon überhaupt nutzen können und wollen. Ich mache mir große Sorgen!

Wie sieht ihre Arbeit derzeit aus, welche Angebote gibt es?

Kemler: Nach Schließung der Einrichtung und der Absage der Angebote haben wir ein Beratungstelefon eingerichtet und nutzen die Sozialen Medien, den Newsletter und unsere Homepage. Wir bieten digitale Formate an, aber wir haben auch Angebote „zum Anfassen“ entwickelt, darunter Bastelmaterial-Tüten am Zaun des Kinder-und Familienzentrums, einen „Mai-Baum“ der mit Beuteln mit Infomaterial und Bastelideen bestückt ist, und einen Brettspiel-Verleih. Auf der Seite www.familienzeit. bistumlimburg.de gibt es Hilfsangebote, pädagogische, psychologische und spirituelle Impulse sowie kreative Ideen zum Selbermachen.

Wie wirkt sich die Krise auf die Familienbildungsstätten aus?

Kemler: Unser Angebotsspektrum hat sich von Erziehungskursen, Eltern-Kind-Gruppen, Einzelveranstaltungen um dezentrale Begegnungsangebote und Offene Treffs erweitert. Diese Angebote können derzeit nicht stattfinden. Für Familien fällt ein Ort weg, an dem sie Unterstützung finden, sich begegnen können, Hilfe erfahren, lernen, lachen, singen, spielen. Auch wenn sich derzeit die Kontaktbeschränkungen lockern, werden bis jetzt gängige Formate mit kleinen Kindern in unseren Räumen nur schwer umsetzbar.

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