„Wenn das Leben um Hilfe ruft“

Annelie Keil liest zum Thema Demenz

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Professor Annelie Keil erklärt ihren Zuhörern ein sensibles Thema.

Westend (zmo) – Wenn das Frankfurter Bürgerinstitut am Rothschild Park zu einer Lesung einlädt, können die Veranstalter immer mit einem vollen Haus rechnen – so auch in der vergangenen Woche.

Das Bürgerinstitut ist eine der ältesten privaten sozialen Einrichtungen in Frankfurt (gegründet 1899). Es hilft Menschen, die sich nicht selbst helfen können und wo der Staat nicht ausreichend tätig ist. Für Professor Annelie Keil ein geeigneter Ort, um über Herausforderungen von Eltern oder Ehepartnern zu sprechen, die von heute auf morgen mit einem Pflegefall konfrontiert werden. „Wer mit einem anderen Menschen ein Bündnis eingeht, ob als Ehepartner oder Eltern, macht sich in der Regel kaum Gedanken darüber, dass der Angehörige einmal auf Hilfe angewiesen sein könnte. Und das in einem Ausmaß, das auch den Unterstützer an seine Grenzen bringen kann“, sagte die Professorin für Sozial- und Gesundheitswissenschaften aus Bremen. Die agile 80-Jährige brachte den Zuhörern diese äußerst sensible Thematik mit einigen bedauernswerten Beispielen, aber auch humorvollen Geschichten näher. Sie versuchte damit eine gewisse Alltäglichkeit für derartige Lebenssituationen zu erklären. Fragen wurden von ihr offen, differenziert und unerschrocken beantwortet.

Annelie Keil erklärte Ausdrücke wie „biografiegestützte Demenzbetreuung“ oder „verstehende Pflege“ in der dem Pflegebedürftigen Verständnis entgegengebracht wird für besonders individuelle Eigenheiten, die tief liegende Ursachen haben könnten. So erklärt sie, wie ein Heimbewohner Essensvorräte in seinem Zimmer haben wollte, weil er im KZ immer hungern musste. Familiäre oder professionelle Pflegebeziehungen – und wenn sie noch so liebevoll sein mögen – können aber auch scheitern, umschlagen in Verzweiflung und latenten Todeswunsch. Gerade bei Partnern, die ein Leben lang zusammen waren, und bei denen es auch Schwierigkeiten gab, kann es passieren, dass Kranke sich rächen wollen – bewusst oder unbeabsichtigt. Für die Angehörigen ist das oft eine fast unerträgliche Belastung.

Keil sieht auch im hohen Alter ihre Schwerpunkte nicht nur in der psychosomatischen Kranken- und Lebensweltforschung sieht, sondern auch in der Arbeit mit Menschen in Lebenskrisen, Schwerkranken und Sterbenden. Ihr selbstsicheres, oft lockeres Auftreten in Veranstaltungen macht den Zuhörern aber auch Mut und Hoffnung, denn „jeder von uns kann jederzeit in eine derartige Situation kommen“. „Es ist immer ein schwerer Weg bis zum Ende. Wir wissen nicht, was kommt. Es gibt sogar Menschen, die erst am Ende eines Lebens ihre Eltern richtig kennenlernen. Bevor wir nun sterben oder krank werden, haben wir vorher aber auch alle Möglichkeiten aus unserem Leben etwas zu machen“. Ob das nun ein Motto der resoluten Professorin sein soll oder gar ein Mutmacher für schwere Lebensphasen, muss jeder für sich herausfinden.

In ihrem Buch „Wenn das Leben um Hilfe ruft“, beschreibt sie Facetten dieser Herausforderungen und hinterfragt Zusammenhänge zum Thema Älterwerden. Der vierte Lebensabschnitt verlangt eine Menge Gestaltungswillen. Das Buch kann dabei hilfreich sein.

„Wenn das Leben um Hilfe ruft“ von Annelie Keil ist im Scorpio Verlag erschienen und kostet 16,99 Euro. Die ISBN lautet 978-3-95803-128-9.

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