"Sex and Crime, Gut und Böse"

Ulrich Mattner und der Alltag im Bahnhofsviertel

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Ulrich Mattner mit seinem neuen Bildband „Schaulust“ auf der Dachterrasse des Künstler-Hotels Nizza.

Bahnhofsviertel (zmo) – Dass Ulrich Mattner, Stadtführer, Fotograf und Buchautor, ein Szenekenner des Frankfurter Bahnhofsviertels ist, zeigt recht eindrucksvoll ein neuer Bildband, den der ehemalige Journalist im Haus der „Freimaurerloge zur Einigkeit“ vorgestellt hat: „Sex and Crime, Gut und Böse, Himmel und Hölle.

Ja, so würde ich das Szeneviertel am Bahnhof nennen. Es ist für mich der spannendste Stadtteil überhaupt. Wo sonst trifft man auf allerengstem Raum Banker und Obdachlose, Rocker, Prostituierte, Drogenabhängige, Hipster, Künstler und Kreative in ihren Studios und vor allem die kulturelle Vielfalt von Menschen aus mehr als 100 Ländern“, erklärt Ulrich Mattner seine besondere Zuneigung für diese Region.

Die Security in einem Bordell im Bahnhofsviertel hat einen eigenen Überwachungsraum.

Mattner, der selbst in diesem Milieu zuhause ist, der regelmäßig Führungen durch „seinen“ Stadtteil macht, schaute nun mit seiner Kamera ein weiteres Mal „auf den täglichen Wahnsinn“, der sonst nur im schnellen Vorbeilaufen registriert wird. Seine Fotografien zeigen Sicherheitseinrichtungen in den Bordellen. Breitschultrige Männer achten darauf, dass die Freier keine Probleme bereiten. Es gibt Einblicke in triste Aufenthaltsräume, in denen Prostituierte ihren Kaffee trinken können. Mattner zeigt heruntergekommene, verschmierte Auf- und Abgänge zu U- und S-Bahnen, die wahrlich kein gutes Bild von Frankfurt zeigen. Er fängt Szenen von Bauarbeitern ein, die aus luftiger Höhe neben den Renovierungsarbeiten an Jugendstilwohnhäusern dem Treiben auf der Straße zusehen. Bilder von schwer bewaffneten Polizisten bei Personenkontrollen vor einschlägigen Kneipen und Bars, Stripteasetänzerinnen bei ihrer Arbeit, heiße Oldtimer, aufgemotzte SUV vor Spielhallen und Diskotheken und fleißige Gemüsehändler, die ihre Auslagen nachfüllen, sind weitere Sequenzen des Viertels.

Aber Mattner zeigt mit seiner Kamera auch die weitaus schlimmere Seite der Bahnhofszene. Betrunkene, die schlafend auf den völlig vermüllten Gehwegen liegen, hilfesuchende Bettler, Stricher, die auf Kunden warten, Drogensüchtige, die an den offiziellen Ausgabestellen auf Methadon warten – wohlwissend, dass diese Alternative ihre Not nur kurzfristig lindern wird.

Und wenn dann einmal im Jahr die von zahlreichen Frankfurtern mit viel Interesse besuchte sogenannte „Bahnhofsviertelnacht“ stattfindet, dann wissen die Szenekenner – und dazu zählt ganz besonders Ulrich Mattner, dass die Besucher nur ein für diese Nacht kosmetisch aufgepepptes Bahnhofsviertel erleben.

„Hier sind sogar die Anwohner froh, wenn das Fest wieder vorbei ist“, sagt Mattner. „Die reale Bahnhofsnacht bleibt den meisten verborgen.“

Nach der Buchvorstellung zeigt der Autor bei einem kleinen Rundgang durch das Viertel, warum er hier dennoch gerne lebt. Von der Dachterrasse des Künstler-Hotels Nizza hat man einen wunderbaren Blick auf Frankfurt, auf die Hochhäuser und auf die Nachbarn rundherum. Vom schrillen Bahnhofsviertel ist hier nichts zu hören. Im Café Irfan gibt es noch einen frisch aufgebrühten türkischen Tee. Das Viertel hat eben auch seine schönen Seiten.

Den Fotoband „Schaulust“ gibt’s für zwölf Euro, ISBN 978-3-96320-021-2.

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