Verleihung des Johann-Philipp-von-Bethmann-Studienpreises für frühneuzeitliche Konsumstudie

Stadthistorisches Projekt ausgezeichnet

Julia Schmidt-Funke wurde für die Schrift„Haben und Sein. Materielle Kultur und Konsum im frühneuzeitlichen Frankfurt “ ausgezeichnet. Foto: p

Frankfurt (red) – Mit dem Johann-Philipp-von-Bethmann-Studienpreis hat die Frankfurter Historische Kommission die Historikerin Julia Schmidt-Funke für ihre Habilitationsschrift „Haben und Sein. Materielle Kultur und Konsum im frühneuzeitlichen Frankfurt am Main“ ausgezeichnet.

Ina Hartwig, als Kulturdezernentin Vertreterin des Magistrats in der Historischen Kommission, überreichte den 1984 gestifteten und mit 5000 Euro dotierten Preis zur Erforschung der Frankfurter Stadtgeschichte bei einer kleinen Feierstunde im Institut für Stadtgeschichte. Die Gattin des Stifters, Bettina Freifrau von Bethmann, die den Preis seit dessen Tod finanziert, gehörte zu den Gästen der 31. Preisverleihung.

„Die Arbeit ermöglicht höchst aufschlussreiche Einblicke in das frühneuzeitliche Frankfurt. Sie zeichnet ein differenziertes Bild der Lebensrealität dieser Epoche und zeigt ungeahnte Traditionslinien der Konsumgesellschaft auf. Die Qualität der Arbeit hat die Frankfurter Historische Kommission rundum überzeugt“, sagte Hartwig bei der Preisverleihung im Namen der Jury, der neben ihr Marie-Luise Recker, Stadtrat Bernd Heidenreich und Thomas Bauer in Vertretung von Evelyn Brockhoff angehörten.

In ihrer Studie untersucht Schmidt-Funke den Konsum und die erworbenen Dinge am Beispiel der Reichs- und Messestadt Frankfurt vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Die Autorin richtet ihren Blick auf die Vielgestaltigkeit frühneuzeitlichen Konsums und zeigt, dass vieles von dem, was die bisherige Forschung als spezifisch moderne Konsummuster begreift, schon lange Wurzeln in der frühen Neuzeit hatte. Dies betraf nicht nur die Verfügbarkeit von Fernhandelsgütern und gebrauchsfertigen Waren, sondern auch Orte und Zeiten des Einkaufens, Formen des Marketings und der Warenkunde sowie auch die Orientierung der Konsumenten an Moden. Damit schließt das Projekt an die in der angelsächsischen Forschung bereits etablierte Konsumgeschichte der Frühen Neuzeit an.

In ihrer Studie betrachtet Schmidt-Funke die Mikroebene der Stadt, nämlich die einzelnen Haushalte: Sie wertet Inventare, Haus- und Ausgabenbücher und Versteigerungslisten aus und kann so Aussagen über den Konsum vor allem christlicher bürgerlicher Haushalte in Frankfurt von 1500 bis 1800 treffen. Sie berücksichtigt darüber hinaus, trotz der schwierigen Quellenlage, auch die prekären Schichten der Stadt sowie die jüdische Gemeinde. In ihrer Studie wird deutlich, dass Frauen als Mitglieder des frühneuzeitlichen Haushaltes eine zentrale Rolle im Wirtschaften spielten, nicht nur als Konsumentinnen, sondern auch als Händlerinnen, Vermieterinnen, Kreditgeberinnen oder auch Diebinnen.

Schmidt-Funke nimmt zudem die Stadt als kommerzielles Zentrum in den Fokus: Sie untersucht das wirtschaftliche Gefüge der Stadt, Orte des Einkaufens wie Kramläden und frühe Kaufhäuser sowie nicht zuletzt die Bedeutung der Messe für die Haushalte in der Stadt. Hierfür wertet die Autorin auch bildliche Darstellungen aus und kommt so zu exakten Beschreibungen der Orte des Konsums in der Messestadt.

Eindrucksvoll ist der Blick, den Schmidt-Funke in die Häuser der Stadt und auf die angeeigneten Dinge werfen kann. Dabei untersucht sie auch die Kleidungspraktiken. Sie zeigt, welche Bedeutung den Dingen zugewiesen wurde und welche Rolle sie in den Handlungen der Haushaltsmitglieder hatten – wie also das „Haben“ das „Sein“ bestimmte, Konsum als Ausdruck kultureller Identität und Differenz innerhalb der Stadtgesellschaft genutzt wurde. Indem die Frage nach den Dingen stets auch auf die mit ihnen umgehenden Menschen zielt, ergeben sich tief gehende Einsichten in die politische und soziale Verfasstheit und vergangene Lebenswelten im frühneuzeitlichen Frankfurt.

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