Marianne Rodenstein berichtet darüber, wie mit „Hexen“ in Frankfurt verfahren wurde

22 Prozesse und kein Todesurteil

Tafel für Philipp Jakob Speners an der Paulskirche. Foto: Faure

Altstadt (jf) – Rappelvoll war das Café Melange, denn Birgit und Ralph Demant hatten bei ihrem Projekt „Historischer Stadtspaziergang“ in die Location in der Neuen Altstadt eingeladen. Das Thema: „Hexenprozesse in Frankfurt“.

Während zur fünften Jahreszeit die Hexe eine immer wieder gern gewählte Verkleidung ist, war die Denunzierung von Frauen und Männern im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation zwischen 1430 und 1780 ganz und gar keine spaßige Angelegenheit, sie kostete mindestens 22. 500 Menschen das Leben.

„Während im alten germanischen und römischen Recht Zauberei mit dem Tod durch Verbrennen bestraft wurde, ging man im mittelalterlichen Kirchenrecht nicht dagegen vor“, erklärte die Soziologin Marianne Rodenstein. Seit dem Baseler Konzil 1431 verdichtete sich das Hexenbild, das vor allem Frauen als Verkörperung des Bösen sah. Entsprechende Predigten und Holzschnitte von Albrecht Dürer und Hans Baldung Grien halfen bei der Verbreitung solcher Ansichten. Der „Hexenhammer“ von Heinrich Kramer, 1487 geschrieben, lieferte Anleitungen zur weltlichen Gerichtsbarkeit in dieser Sache.

„Dem ‚Hexenhammer‘ gelingt es zunächst noch nicht, Verfolgungen in größerem Ausmaß in Gang zu setzen, sei es, weil der Gelehrtendiskurs über die Hexen erst allmählich bei der Bevölkerung ankommt, sei es, weil es erst ab 1550 zu einer besonderen Klimaverschlechterung, der ‚Kleinen Eiszeit‘, kam“, fügte die Expertin dazu. Die „Carolina“, die „Peinliche Gerichtsordnung“ Kaiser Karls V. enthält den Begriff „Hexerei“ nicht, liefert aber Anknüpfungspunkte für entsprechende Verfahren.

„In Frankfurt, das um 1600 etwa 18.000 Einwohner hatte, gab es 22 Hexenprozesse zwischen 1471 und 1714. Bemerkenswert ist, dass dabei keine Frau als Hexe verbrannt wurde“, sagte Rodenstein.

17 Frauen und fünf Männern sowie einem Ehepaar wurde der Prozess gemacht. Zehnmal wurden die Angeklagten für immer der Stadt verwiesen, in sechs Prozessen wurde gar nicht gestraft. Das alles ist heute nur noch der 1932 fertiggestellten Dissertation des Theologen Walter Eschenröder zu entnehmen. Die Protokolle dazu, die im Stadtarchiv aufbewahrt wurden, sind 1944 verbrannt worden.

Der heute nicht mehr bestehende Katharinenturm war das Untersuchungsgefängnis. Dort wurde auch gefoltert. Der erste große Prozess fand 1541 statt, Endressen Krein wird von den Nachbarn Schadenszauber vorgeworfen. Außerdem soll sie einer Kuh die Milch verhext haben. Sie antwortete, dass die Kuh Milch geben würde, wenn man ihr mehr zu fressen gäbe. Die erste Folter bestand darin, die Frau mit auf dem Rücken gefesselten Händen „aufzuziehen“, eine Verschärfung war das Anhängen von Steinen an den Beinen. Bestimmt nicht angenehm. Doch die Frau leugnete alles, auch bei weiterer Folter. Schließlich gestand sie unter Schmerzen, dass der Teufel alles getan und sie verführt habe.

Man ließ von ihr ab und schickte die Prädikanten (Pfarrer) zu ihr. Ihnen sagte sie, dass sie viel gelogen habe. „Sie wüsste nicht, dass der Teufel bei ihr gewesen sei, und wenn sie eine Zaubersche sei, so seien alle ihre Nachbarn Zaubersche“, zitierte Rodenstein.

Endressen Krein hatte während der Folter körperlich gelitten. Ihre beiden Söhne setzten sich für sie ein, das Verfahren kam noch einmal in Gang, die arme Frau wurde wieder verhört und leugnete. Mehr als drei Jahre dauerte dieser Prozess, an dessen Ende die Frau aus der Haft entlassen wurde.

Auffällig oft wurden in Sachsenhausen Frauen der Hexerei und Zauberei beschuldigt. Selbst Stiefkinder zeugten wider die Stiefmutter. Das allerdings hatte ein Nachspiel: Die Angeklagte leugnete alles, der Rat bat daraufhin bei den Universitäten von Speyer und Straßburg um Hilfe. Nun wandte sich das Blatt, die Kinder wurden unter Leitung von Philipp Jakob Speners befragt – ihm ist eine Tafel an der Paulskirche gewidmet – und gaben zu, alles erfunden zu haben. Das setzte Prügel – wenn auch nicht allzu heftige.

Fazit: In Frankfurt wurde in „nur“ vier Fällen gefoltert. Die Frauen waren ziemlich selbstbewusst und blieben bei der Wahrheit, sie alle waren keine Hexen. Und der Rat? Der versuchte, übereifrige Hexenverfolgungen zu vermeiden, außerdem war es doch ein recht unsicheres Feld. Auch deshalb scheute man öffentliche Anklagen und Strafen. Im Umland dagegen, in Büdingen, Flörsheim, Hofheim und Hanau brannten die Scheiterhaufen lichterloh.

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