Interview mit der Leiterin des Teams Kinder- und Jugendschutz beim Jugend- und Sozialamt

„Es ist normal, dass es in Familien jetzt mehr Streit gibt als vorher“

Sabine Hartgen, die Leiterin des Teams Kinder- und Jugendschutz, im Jugendamt in Frankfurt. Foto: Salome Roessler/lensandlight/p

Frankfurt (red) – Bei manchen Eltern liegen derzeit die Nerven blank – Homeoffice, Home-Schooling, Familie und Haushalt – 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Und dazu die Angst, womöglich den Job zu verlieren oder am Coronavirus zu erkranken.

All das unter einen Hut zu bekommen und dabei nicht die Gelassenheit zu verlieren, ist in dieser Zeit eine immense Herausforderung für Familien.

Was tun, wenn das nicht reibungslos gelingt, die Situation in einen mehr als heftigen Streit eskaliert? Wo finden Eltern schnell und unbürokratisch Hilfe, bevor Schlimmeres passiert? Und wohin können sich Kinder selbst wenden oder Außenstehende, die sich um die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen in Familien sorgen? Fragen an Sabine Hartgen, Leiterin des Teams Kinder- und Jugendschutz beim Jugendamt der Stadt Frankfurt.

Für sich genommen ist ein Streit ja noch keine Katastrophe. Wichtig ist, wie es danach weitergeht, oder?

Hartgen: Ja, Streit ist etwas ganz Normales – gut miteinander streiten ist sogar sehr wichtig. So können Kinder von und mit Erwachsenen lernen, Argumente auszutauschen, Interessen zu vertreten, sich zu einigen, unterschiedliche Meinungen zu respektieren und auch mal stehen zu lassen. Ganz wichtig dabei ist auch, sich wieder zu vertragen. Eine gute Streitkultur in der Familie hilft bei kleinen und großen Themen. Es stärkt die Beziehungen, wenn nach einem Streit die Luft wieder rein ist und alle gemeinsam eine Lösung gefunden haben.

Aber wenn ein Streit eskaliert, wo findet ein Kind schnelle Hilfe?

Hartgen: Wenn der Umgang in der Familie zu körperlichen oder seelischen Verletzungen führt, wird eine wichtige Grenze überschritten. Deshalb ist es für Kinder von elementarer Bedeutung, ihre Rechte zu kennen und zu wissen, dass sie sich an uns wenden können. Oft ist familiärer Streit Anlass für einen Anruf bei unserem Kinder- und Jugendschutztelefon. Für akute Fälle sind wir für Kinder und Familien an 365 Tagen im Jahr zu erreichen, täglich bis 23 Uhr. Wenn nötig, kommen die Mitarbeitenden in akuten Krisen auch vor Ort. 2019 war das etwa 250 Mal der Fall.

Computerspiele, Chatten mit dem Handy, fernsehschauen – Streit entzündet sich oft an den Grenzen, die Eltern da setzen. Wie wichtig sind solche Grenzen in Zeiten, in denen sich Kinder und Jugendliche draußen nicht mit anderen treffen können?

Hartgen: Grenzen zu setzen ist wichtig, um Halt und Orientierung zu geben – aber sie sollten liebevoll und klar gesetzt werden. Sie helfen Kindern, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden und ihre Bedürfnisse auch mal aufzuschieben. Aber dazu gehört auch, Freiraum zu geben. Kinder müssen lernen zu stolpern, um sicher durch die Welt gehen zu können. Eltern haben die oft schwere Aufgabe, die Balance zu finden zwischen Ausprobieren lassen und schützen. Gerade Eltern von Jugendlichen müssen manchmal täglich neu darüber verhandeln. Und oft fühlen sich dann beide Seiten hilflos, ohnmächtig und unverstanden. Auch in Vor-Corona-Zeiten hat es in Familien Streit über Ausgangszeiten, Mediennutzung oder Freundeskreise gegeben, oft abends und am Wochenende, wenn alle miteinander zu Hause sind. Wenn sich der Konflikt zuspitzt, vermitteln wir zwischen den Beteiligten und geben den Familien so Orientierung und Sicherheit.

Was raten Sie Eltern, die das Gefühl haben, an ihrer Erziehungsaufgabe zu scheitern?

Hartgen: Suchen Sie Hilfe! Denn unsere Erfahrung ist: Eltern schöpfen durch Beratungsgespräche, die selbstverständlich anonym stattfinden können, zunächst wieder mehr Gelassenheit und Kraft für den Alltag. Sich in einer solchen Situation Hilfe zu holen, gemeinsam innezuhalten und zu überlegen, was zu tun ist – das ist das Gegenteil von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Stärke!

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