Selbsthilfegruppe zu medizinischem Cannabis-Konsum feiert einjähriges Bestehen

Kein CBD für psychisch Erkrankte

Thomas Müller, Leiter der Selbsthilfegruppe (links), lauscht den Ausführungen von Gesundheitsdezernent Stefan Majer. Foto: Mag

Innenstadt (nma) – Häufig wird über die Legalisierung von Cannabis debattiert, Länder wie die Niederlande oder Kanada haben das sogar bereits getan. Im Vordergrund der Diskussionen stehen meist Rauschzustände, doch gehört zu Cannabis noch eine ganz andere Seite.

Für psychisch Kranke oder Schmerzpatienten sind die Wirkstoffe der Pflanze oft die letzte Rettung.

Einmal im Monat treffen sich in den Räumen der Aids-Hilfe Frankfurt Menschen, die Cannabis nicht zum Rausch nutzen, sondern die Pflanze zu medizinischen Zwecken benötigen. Vergangene Woche feierte die Gruppe ihr einjähriges Bestehen mit einer öffentlichen Sitzung. Unter anderem besuchte Gesundheitsdezernent Stefan Majer die Gruppe, um sich die Schicksale der Patienten anzuhören. Und diese haben es in sich: So stellt sich ein 21-Jähriger der Gruppe vor. Der junge Mann hat seine Eltern mitgebracht, die die Leidensgeschichte ihres Sohnes seit Jahren mittragen. „Seit einigen Jahren habe ich schwere psychische Beschwerden“, sagt er. „Ärzte haben mir alle möglichen Psychopharmaka verschrieben, aber diese hatten entweder heftige Nebenwirkungen oder wirkten nicht, wie sie sollten“, beschreibt er. Das Einzige, was seine Depressionen bisher in den Griff bekommen konnte: CBD. Dabei handelt es sich um einen Wirkstoff der Cannabis-Pflanze, der im Gegensatz zum allgemein bekannten THC keinen Rauschzustand erzeugt. Doch Cannabis ist Cannabis und deshalb in Deutschland verboten. „Ich versorge mich deshalb über den Graumarkt.“ Ein anderer Patient berichtet Ähnliches: „Ich habe ebenfalls schwere psychische Probleme und könnte ohne die Wirkstoffe von Cannabis nicht einmal in diesem Raum sein und mit euch darüber sprechen“, sagt er. Auch er versorge sich illegal mit dem Medikament. Einmal sei ihm dabei eine gefälschte Kräutermischung untergejubelt worden, die gesundheitliche Schäden hinterlassen hat. Thomas Müller ist Leiter der Gruppe und setzt für die anwesenden Nicht-Patienten die Aussagen der beiden Männer in einen Kontext: „Mit Schmerzkrankheiten ist es etwas einfacher, medizinisches Cannabis vom Arzt zu bekommen, bei psychischen Problemen ist das fast unmöglich“, sagt er. „Jeder Arzt kann das verschreiben, doch die meisten Ärzte weigern sich, obwohl sie dann noch im selben Atemzug schwere Psychopharmaka oder sogar Opiate verschreiben.“ Ärzte wüssten häufig nicht, wie sie mit Cannabis umgehen sollen. Außerdem würden diese viel Geld kosten und Ärzten große Teile ihres Budgets nehmen. „Wir fordern einen Aufruf an die Ärzte von der Politik, in dem an die leidenden Patienten erinnert wird. Auch den Aufbau eines Kompetenzzentrums befürworten wir“, sagt Thomas Müller. Dann ergreift der Frankfurter Gesundheitsdezernent das Wort: „Ihre Geschichten zu hören, war mir sehr wichtig“, beginnt Majer. Er sei bereits dabei, Kompetenz- und Netzwerklösungen zum Thema zu schaffen. Er spricht von einer großen Fortbildung, die in Frankfurt für deutsche Ärzte stattgefunden hat. „Der Weg der Prohibition bei Cannabis ist gescheitert“, sagt er deutlich. Eine Gesetzesänderung müsse her, denn die aktuelle Gesetzeslage gehe der wichtigsten Frage aus dem Weg, nämlich: Wer darf wann Zugang zu Cannabis erhalten? Im weiteren Gespräch wird auch klar: Nicht nur die Politik hat eine Aufgabe. Schmerzpatienten oder Patienten, die Probleme mit der Psyche haben, hängen oft in einem Netz zwischen Ärzten und zahlungsunwilligen Krankenkassen fest und versinken in Bürokratie, statt Hilfe zu bekommen. Bei diesen Fällen gibt es Rat in der Selbsthilfegruppe, die am 5. November wieder in der Friedberger Anlage 24 tagt.

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