Ausverkaufte Shortlist-Lesung zum Deutschen Buchpreis im Schauspiel Frankfurt

Hohlraum, Bienen, Paare, Fußballprofis, Heimat und Hautfarben

Die Shortlist-Autoren Raphaela Edelbauer (von links), Norbert Scheuer, Tonio Schachinger, Jackie Thomae, Saa Staniic und Miku Sophie Kühmel. Foto: Faure

Frankfurt (jf) – Zum zweiten Mal fand im erneut ausverkauften Schauspiel Frankfurt die insgesamt elfte Shortlist-Lesung im Vorfeld des Deutschen Buchpreises statt.

Sonja Vandenrath, Leiterin des Fachbereiches Literatur beim Kulturamt, begrüßte die Gäste: „Mit Maike Albath, Christoph Schröder und Anna Engel konnten wir fachkundige Lotsen für die Gespräche mit den Autorinnen und Autoren gewinnen. “.

Als Erste sprachen Maike Albath und Raphaela Edelbauer über den Debütroman „Das flüssige Land“. Die Autorin beschäftigt sich mit österreichischer Geschichte und den Bewohnern des Ortes Groß-Einland. Unter dem Dorf erstreckt sich ein riesiger Hohlraum. Auch das Haus ihrer Eltern senke sich langsam ab, merkte Edelbauer an. Ein Roman biete die Möglichkeit, eine größere Zeitspanne zu betrachten.

„Ich wollte dieses verschachtelte Wurzelwerk der Geschichte aufzeigen“, erklärte die Autorin. „In Österreich gibt es auf alles noch einen Schlagobers oben drauf – das ist schon sehr kennzeichnend für unser Land“, bemerkte Edelbauer.

Die zweite Runde bestritten Christoph Schröder und Norbert Scheuer. „Winterbienen“ ist der achte Roman des Schriftstellers aus der Eifel. „Eines Tages brachten mir die Leute eine Aktentasche mit Notizen eines Imkers. 1944/45 flogen die Bienen aus und die ‚Feindflugzeuge’ an.

Das war der Ausgangspunkt für den Roman“, erklärte Scheuer. Alles habe sich dann ergeben und ergänzt. Scheuer hat sich zudem intensiv mit Bienen beschäftigt: „Gerade im Moment kann man keinen Mist über Bienen erzählen“, sagte er. „Bienen sind sozial und totalitär zugleich. Aber sie würden nie ein anderes Volk angreifen“, unterstrich der Autor.

Mit der 1992 geborenen Miku Sophie Kühmel, der jüngsten Shortlist-Autorin, unterhielt sich Anna Engel. Im Mittelpunkt stand das Romandebüt „Kintsugi“, der Begriff bezeichnet eine japanische Technik, bei der zerbrochenes Porzellan mit Gold wieder zusammengefügt wird.

Es gibt vier Protagonisten: das langjährige Paar Reik und Max, den Freund Tonio und dessen Tochter Pega. Die vier Ich-Erzähler erinnern an ein Kammerspiel. In Beziehungen wachse man aneinander, miteinander und manchmal auch gegeneinander. Kühmel wünschte sich, dass Menschen „mit Bedachtheit miteinander umgehen“. „Wer keinen Bugatti hat, kann sich gar nicht vorstellen, wie angenehm Ivo gerade sitzt.“ Diesen ersten Satz des Debütromans „Nicht wie ihr“ von Tonio Schachinger zitierte Christoph Schröder zu Beginn des Gesprächs.

Ein Fußballprofi als Hauptfigur? „Es hat sich viel getan seit 1950, Fußballvereine sind zu Konzernen geworden. Spieler halten sich die Hand vor den Mund, wenn sie miteinander reden – inzwischen sogar in der Kreisliga. Nichts soll nach außen dringen“, antwortete Schachinger. Ivo habe die Welt, in der er lebt, durchschaut, sagte der Autor und fügte hinzu: „Vielleicht hat er da manchmal den Rezensenten etwas voraus.“

Mit „Herkunft“ landete Saa

Staniic, auf der diesjährigen Shortlist. Die Idee zum Buch über Heimaten, Sagen, Flucht und Abschied hatte der aus Viegrad stammende Autor, als seine Großmutter von Drachen sprach. „Mit zunehmender Demenz erzählte meine Großmutter von Drachen und füllte damit ihre Gedächtnislücken auf“, erklärte Staniic. Für seine Lesung ging er zum Stehpult: „Wann hat man schon einmal Gelegenheit, auf so einer Bühne zu sprechen“, begründete er den kleinen Ortswechsel und deklamierte mit viel Betonung und gestenreich.

„Es gibt unfassbar viele Parallelen zu unserer Flucht 1992 aus Jugoslawien nach Deutschland und der heutigen Situation von Geflüchteten. Das Handeln eines einzelnen Mitarbeiters der Ausländerbehörde, der nicht Dienst nach Vorschrift machte, war ausschlaggeben dafür, dass ich heute hier bin“, erläuterte der Autor im Gespräch mit Maike Albath.

Den Abend beschlossen Jackie Thomae und Moderatorin Anna Engel mit dem Roman „Brüder“. Das Cover, erläuterte Thomae, stelle unterschiedliche Hauttöne dar – ein Thema des Buches. In ihrem Roman geht es um die höchst unterschiedlichen Brüder Mick und Gabriel, beide 1970 geboren, beide haben einen Vater, aber verschiedene Mütter. Mick und Gabriel wissen nichts voneinander. „Interessiert hat mich, wann es im Leben Wegkreuzungen gibt, an denen man sich entscheiden muss“, erklärte die Autorin ihre Entscheidung für zwei männliche Protagonisten. „2016, als ich anfing, das Buch zu schreiben, dachte ich, dass sich der Alltagsrassismus langsam ausschleichen würde. Aber das ist leider nicht so“, bedauerte Thomae.

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