Gießener Professorin erinnert an den Holocaust

Gedenkvorlesung an der Uni

Ulrike Weckel stellte in der Goethe-Uni ihre Forschungen zu den KZ-Filmen vor, die die Alliierten der deutschen Bevölkerung zeigten. Foto: Mag

Westend (nma) – „Beschämender Anblick“, lautete der Titel der Holocaust-Gedenkvorlesung der Gießener Professorin Ulrike Weckel, die sich vergangene Woche mit den KZ-Filmen beschäftigt hat, die die Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg der deutschen Bevölkerung zeigten: Das Foyer des großen Gebäudes auf dem Campus Westend der Goethe-Uni war rappelvoll.

Kein Stuhl war mehr frei und gespannt lauschten die Zuhörer den Worten von Ulrike Weckel. Sie lehrt an der Gießener Universität Geschichts-Fachjournalistik und hat sich umfassend mit den Filmen beschäftigt, die Alliierte in Konzentrationslagern nach deren Befreiung aufgenommen und später den Deutschen vorgestellt haben. „Ich möchte Sie einladen, mit mir heute einen Blick auf die Reaktionen der deutschen Bevölkerung zu werfen und wie diese überliefert wurden. Auch stellt sich natürlich die Frage, was die Alliierten mit den Filmen bezweckten“, leitete die Professorin ihren Vortrag ein. .

In Russland seien bereits vor Kriegsende Filmaufnahmen im Fernsehen veröffentlicht worden, welche meist alte Frauen zeigten, die tote Angehörige in den Armen hielten. „Das sollte die Wut auf die Deutschen erhöhen“, weiß Weckel. „Die Russen erreichten die Konzentrationslager in Polen früher als die Amerikaner im Westen und begannen sogleich mit Filmaufnahmen“, erzählte sie. Leider könne heute nicht mehr geklärt werden, ob Westalliierte die russischen Filme zu Gesicht bekommen haben und sich dadurch zu eigenen Filmaufnahmen haben inspirieren lassen. Auffällig sei, dass ein Bild in allen Filmen auftauche: KZ-Häftlinge, die hinter Stacheldraht zu sehen sind. „Alle Aufnahmen zeigten unmissverständlich, dass die Befreier zu spät gekommen waren. Ansonsten gab es zwischen den verschiedenen Alliierten aber große filmische Unterschiede.“ Westalliierte hätten vor allem Leichenberge gefilmt sowie die völlig ausgehungerten Lagerinsassen und in den Filmen verdeutlicht, dass diese Aufnahmen nicht den ganzen Schrecken der Konzentrationslager einzufangen vermögen.

„Es waren insgesamt elf Filme aus den Konzentrationslagern, die den Deutschen nach Kriegsende vorgespielt wurden“, erklärte Weckel. Amerikanische und Britische Filme wurden vor allem Zivilisten gezeigt – als eine Art Schockpädagogik. Die beiden Alliierten hätten in London an einem gemeinsamen Film gearbeitet, die Amerikaner sich schließlich aber abgespalten. Ihnen ging die Zusammenarbeit zu langsam und sie befürchteten, dass der Schock-Effekt in der Bevölkerung mit der Zeit verblassen könnte, fasste Weckel zusammen.

Die Amerikaner stellten einige kurze Sequenzen für die Wochenschau zusammen, überarbeiteten diese und so entstand der Film „Die Todesmühlen“. Die Russen schnitten ihren eigenen Film für Berliner Kinos zusammen, die Franzosen zeigten die Ausschnitte aus den Konzentrationslagern sogar im Vorprogramm vor Spielfilmen. „Doch was wollten die verschiedenen Nationen mit den Filmen erreichen? Leider gibt es hierzu kaum Aufzeichnungen“, teilte Weckel dem Publikum mit.

Doch würden die Filme genug Material für entsprechende Interpretationen bieten. Am Ende des amerikanischen Films etwa spricht der Erzähler plötzlich in Ich-Perspektive als deutscher Bürger und mit anderer Stimme als zuvor. „Die Schuld wird durch diesen Monolog des Mitläufers klar gemacht, doch bieten die Amerikaner auf diese Weise Rehabilitation an“, beschrieb Weckel. Ihrer Meinung nach seien die Filme nicht als Schuldzuweisung an die deutsche Bevölkerung gedacht gewesen, sondern mehr zur Beschämung und um den Deutschen auf diese Weise klarzumachen: „Man kann und muss etwas tun, damit der Vorwurf der Mitschuld abgemildert werden kann“, sagte die Wissenschaftlerin.

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