Veränderungen historischer Errungenschaften?

Der Acht-Stunden-Tag im Umbruch

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Gesprächspartner bei der Podiumsdiskussion (von links): Berthold Vogel, Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen, Philipp Jacks, Geschäftsführer DGB Frankfurt, Claudia Wehrle vom HR, Petra Rossbrey, Beirat Unternehmerverband UVF und Elke Barth, Abgeordnete Hessischer Landtag.

Bahnhofsviertel (zmo) – Es war eine gemeinsame Einladung der Kulturregion Frankfurt, der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), des Hessischen Rundfunks und des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Mit dem aktuellen Thema „100 Jahre Acht-Stunden-Tag.

Arbeitszeit im Umbruch: Zwischen Stechuhr und ständiger Erreichbarkeit“ sollte es eine Diskussion werden, an denen auch Bürger teilnehmen konnten. Und es kamen viele ins DGB-Haus in der Wilhelm-Leuschner-Straße. „Man kann es sich nicht vorstellen, dass selbst nach 100 Jahren diese Vereinbarung des Acht-Stunden-Tages noch immer Bestand hat. Zwar hatte es im Laufe der Jahrzehnte, während des Zweiten Weltkriegs und danach Veränderungen gegeben. Die Gewerkschaften setzten sich aber immer wieder durch. So kam es dann auch zur Fünftage- oder 40-Stunden-Woche, die in den 90er-Jahren in einigen Punkten zwar auch wieder verändert wurde, aber dennoch große Erleichterungen für Arbeitnehmer mitbrachte. Der Acht-Stunden-Tag wurde 1994 im Arbeitszeitgesetz (ArbZG) mit einigen wenigen Einschränkungen gesetzlich festgeschrieben. Alles Errungenschaften, auf die die Gewerkschaften mit Stolz zurückblicken können“, sagte Martin Gräfe vom Landesbüro der FES in seiner Begrüßungsrede.

Wie sieht es heute aus mit dem Acht-Stunden-Tag? Darüber sprachen Fachleute in einer Podiumsveranstaltung. Claudia Wehrle stellte die Fragen. Auf die entsprechenden Antworten zu diesem Thema waren vor allem die Zuhörer gespannt. Für Petra Rossbrey, Geschäftsführerin und Beirat im Unternehmerverband (UFV), die selbst eine Dienstleistungsfirma leitet, die im Dreischichtbetrieb arbeitet, „ist der Acht-Stunden-Tag immer noch eine bedeutende Errungenschaft, die erhalten werden müsse. Aber man muss auch berücksichtigen, dass sich die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation erheblich verändert hat. Eine flexiblere Arbeitszeit wird daher unumgänglich sein.“

Acht-Stunden-Tag nur noch Illusion?

Elke Barth, Abgeordnete im Hessischen Landtag, sieht auch die Gesellschaft gefordert. „Heute wird vieles online bestellt, was bis vor die Tür geliefert wird. Für die deutlich unterbezahlten Paketkuriere ist der Acht-Stunden-Tag Illusion. Bestimmten Logistik-Firmen gelingt es immer wieder Nischen zu finden, um gesetzlich festgelegten Regeln aus dem Wege zu gehen. Auch von Auftraggebern sollte verlangt werden, möglichst nur Dienstleister einzusetzen, die ihre Mitarbeiter vernünftig bezahlen.“

„Das der Acht-Stunden-Tag eine historische Bedeutung hat, ist unbestritten und begrenzt damit auch die Willkür von Arbeitgebern. Aber heute, im Zeitalter der Digitalisierung, mit ständiger Erreichbarkeit und hohem wirtschaftlichen Druck vieler Unternehmen, muss es eine wesentlich flexiblere Arbeitszeit geben, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Wir untersuchen ständig neue Trends, Veränderungen und Perspektiven, wie die Arbeitswelt den heutigen Verhältnissen angepasst werden kann“, sagte Berthold Vogel vom Soziologischen Forschungsinstitut (Sofi) in Göttingen. Auch für den Gewerkschafter Philipp Jacks, Vater von drei Kindern, der sich täglich mit veränderten Arbeitsformen und -situationen, mit betrieblichen Arbeitsabläufen sowie komplexen Wechselwirkungen zwischen Arbeitsgestaltung und Arbeitsorientierungen der Beschäftigten auseinandersetzen muss, hält eine Flexibilität in der Arbeitszeit für notwendig.

„Bei Streiks geht es heute nicht immer nur um mehr Geld, sondern sehr oft auch um flexiblere Arbeitszeiten und um Freizeit. Auch ich arbeite sehr oft gerade abends länger, kann diese Zeit an anderen Tagen aber ausgleichen, denn auch für mich besitzt die Familie hohe Priorität. Dennoch müssen wir immer darauf achten, dass die Dauer der Arbeitszeiten nicht im Dickicht neuer Regeln verschwindet.“

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