Lesung: Michael Behrendt räumt im Schwan mit Songmissverständnissen auf

Von Luka bis Echo-Skandal

Nach einer spannenden und unterhaltsamen Lesung: Günter Krause, Michael Behrendt und Martina Metzner (von links) mit den Büchern des Abends. Foto: jf

Fechenheim (jf) – Die Veranstaltung „Wenn Hits uns durcheinanderbringen“ mit dem Autoren Michael Behrendt, initiiert von Günter Krause von der Buchhandlung Bücher vor Ort war so schnell ausgebucht, dass man sich entschloss, vom kleinen „Schwan Weinkontor“ ins „Schwan Gesellschaftszimmer“ umzuziehen.

Eine gute Entscheidung. .

Günter Krause, der nebenbei selbst musiziert, fiel das Buch „Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en“ von Michael Behrendt in die Hände. Der Autor hatte 2017 bereits „I Don’t Like Mondays. Die 66 größten Songmissverständnisse“ veröffentlicht. Krause stellte die Novität ins Schaufenster, Journalistin Martina Metzner sah das und informierte den ihr bekannten Autoren. Die Idee, eine Veranstaltung zu entwickeln, lag auf der Hand. „Irgendwie hat jeder Anteil, dass dieser Abend zustande kam“, sagte Krause zur Eröffnung.

Martina Metzner stellte Michael Behrendt, der auch auf den Namen Ted hört, kurz vor. Er hatte seine Magisterarbeit über Patti Smith geschrieben, promovierte über englische und amerikanische Rockmusik und arbeitet gegenwärtig freiberuflich als Lektor und Autor. Außerdem betreibt er den Songblog „tedaboutsongs“.

Beispiele zu Songmissverständnissen lägen oft in der Aussprache der Interpreten – schon bei den Deutschen wie Wolfgang Niedeckens Bap und Herbert Grönemeyer muss man die Ohren spitzen, um alles richtig zu verstehen.

Um ein Mädchen geht es in dem Song „Mary Jane’s Last Dance“, aber Mary Jane ist auch eine englische Bezeichnung für Marihuana. Besingen „Tom Petty & The Heartbreakers“ da doch Drogen? Mit „White Rabbit“, das jede Menge Anspielungen auf die Wirkung von Drogen enthält, schaffte es Jefferson Airplane an der Zensur vorbei ins Radio. „Da spielt selektive Wahrnehmung eine Rolle, wenn alle an das Kaninchen aus ‚Alice im Wunderland’ denken“, sagte Behrendt.

Dass der Hintergrund des Songs „I Don’t Like Mondays“ von The Boomtown Rats (Text: Bob Geldof) nicht eine weitverbreitete Aversion gegen den Wochenbeginn thematisiert, sondern den Amoklauf der 16-jährigen Brenda Ann Spencer, sei allgemein bekannt. Ebenso geht es in „My Name Is Luka“ von Suzanne Vega nicht um eine beiläufige Hausbekanntschaft, sondern um Kindesmisshandlung. „Beides sind ganz bittere Geschichten“, sagte Michael Behrendt, der stets die Songs, über die er sprach, auch anspielte.

Blöd, wenn Werbegestalter nur zur Hälfte hinhören: Bei dem nachdenklichen „Mmm Mmm Mmm Mmm“ von den Crash Test Dummies wird vom Leid eines Kindes erzählt. Es geht nicht – wie in der Werbung – um das genussvolle Verzehren einer Käsesorte.

Viele hätten noch die tanzende Bundeskanzlerin nach ihrem Wahlsieg 2013 zu „Tage wie diese“ von den Toten Hosen vor Augen, mutmaßte Behrendt. Der Song handelt von einem ganz unpolitischen Konzertbesuch. „Angela Merkel rief Campino ein paar Tage später an und entschuldigte sich für das ,Rumtrampeln’ auf dem Song“, erzählte Behrendt. Die Toten Hosen sahen es gelassen und spöttisch.

„Provokationen in Songs richteten sich in den 1960er Jahren gegen Krieg, Unfreiheit und Ungleichheit. Die Punk-Band Sex Pistols („Anarchy In The UK“) verstörte und irritierte; manchmal mit völlig hirnrissigen Texten“, sagte Behrendt. Aktuell geht es im Gangsta Rap eher um Antisemitismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit. Er kam auf den Echo-Skandal 2018 zu sprechen. Ein kurzes Stück aus „0815“ von Kollegah und Farid Bang mussten sich die Zuhörer anhören, dann reichte es aber auch. Natürlich stellte sich die Frage, wie man damit umgehen soll. Behrendt bemerkte dazu: „Wir sollten nicht verbieten, sondern darüber reden.“ Ein Unterschied zwischen Spiel und Ernst sei bei den Texten manchmal ein schmaler Grat. Die Konsequenz der Auszeichnung der Rapper war, dass es den Echo, für dessen Verleihung die Verkaufszahlen zugrunde lagen, nicht mehr gibt.

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