Stadtschreiber Clemens Meyer präsentiert Jürgen Ploog

Dem Zufall Raum lassen

Stadtschreiber Clemens Meyer präsentiert den Cut-up-Autoren Jürgen Ploog. Foto: zko

Bergen-Enkheim (zko) – Der noch bis zum Stadtschreiberfest am 30. August amtierende Bergen-Enkheimer Stadtschreiber Clemens Meyer hatte von seinem Privileg Gebrauch gemacht, einen geschätzten Kollegen einzuladen.

Meyers Wahl war auf Jürgen Ploog gefallen, der in der Nikolauskapelle eine spannende sowie experimentelle Lesung abhielt. In einem Gespräch der beiden Autoren wurde Ploogs spezielle Cut-up-Schreibtechnik erläutert.

Die Veranstaltung begann mit einem von Meyer gelesenen Text, dessen Sinnzusammenhang darin bestand, ihn meditativ auf sich wirken zu lassen und die Schönheit der Sprache durch den reinen Klang zu erfassen. DJ Enrico Meyer, ein langjähriger Weggefährte Meyers, saß auf der Empore der Kapelle und erzeugte sphärische Klänge zu experimenteller Literatur. Bevor der Stadtschreiber den Autor Jürgen Ploog auf die Bühne bat, erklärte er dem Publikum, dass er im Jahr 2009 Ploogs Werk „Tanker“ in die Hände bekam, was seinen Blick auf die Literatur radikal verändert habe.

Bereits seit den 60er Jahren bedient sich der 84-jährige Jürgen Ploog für seine Werke der Technik des sogenannten Cut-up und ist damit permanent „auf den Straßen des Zufalls unterwegs“, sagte der Autor. Mehr als 30 Jahre war er als Linienpilot tätig und stellte seine kreativen Texte zusammen, wo auch immer er sich in der Welt gerade aufhielt.

Cut-up bedeutet Schnitttechnik und beschreibt eine Methode, bei der durch die Montage von Texten, mag sie zufällig oder gezielt ausgeführt worden sein, eine neue Form von Literatur entsteht. Der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs wurde weltweit einer der namhaftesten Vertreter des Cut-up. Jürgen Ploog, den mit Burroughs eine Freundschaft verband, machte den 1997 verstorbenen Autor vor fünf Jahrzehnten in Deutschland bekannt.

Hierzulande wurde diese Literaturform außer von Ploog vor allem von Jörg Fauser und Carl Weissner weiterentwickelt. „Ich selbst habe nie etwas anderes geschrieben, ich kann und will nicht anders“, konstatierte der eingeladene Autor. Um die Methode der „Schnitt-Schreibweise“ noch einmal zu verdeutlichen, faltete er vor den Augen des Publikums Textseiten: „Die einfachste Form ist, zwei beliebige Seiten Text zu falten oder zu zerschneiden und die Hälften in anderer Reihenfolge wieder zusammenzusetzen. Ich wähle nicht zu bewusst aus, da ich dem Zufall seinen Raum lassen will. Man kann sich auch nicht wirklich vornehmen, was man daraus macht, denn die Kombinationen entstehen aus dem Material, nicht aus dem Kopf. Dem Zufall werden Tür und Tor geöffnet, er ist das eigentlich kreative Element.“

Die Technik greift in die Sprachstruktur ein, indem die unbewusste Bedeutung eines Wortes im Bewusstsein in einen neuen Kontext gestellt wird. Das Unterbewusstsein wehrt sich anfänglich zwar gegen diese Methode, findet aber neue Wege. „Man muss das Unterbewusstsein überlisten“, war Meyers Meinung.

Ploog stellte fest, dass sich viele Leser noch immer an der Sprache des 19. Jahrhunderts festhielten, die ihnen Wohlgefühl und Sicherheit suggeriere. Ploog war Mitherausgeber des Literaturmagazins Gasolin 23. „Die Gründung der Zeitschrift war für mich eine Notwendigkeit, da sich sonst niemand für diese Literaturrichtung interessiert hätte“, sagte der Schriftsteller. Die Veranstaltung endete mit der Frage, ob die Cut-up-Technik eine Zukunft habe, was Jürgen Ploog damit beantwortete, dass die Technik zwar lebe und leben werde, jedoch eher im Untergrund.

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