Uraufführung von Thomas Melles „Überwältigung“ bei den Nibelungenfestspielen in Worms

Stadtschreiber-Stück als beeindruckendes Gesamtkunstwerk

Schillernder Auftritt bei Thomas Melles Stück „Überwältigung“: Hagen (links) und Siegfried begegnen sich erstmalig. Foto: Ohlmeier

Worms (zko) – Überwältigend, ja, das war die Uraufführung des Stückes „Überwältigung“ von Thomas Melle, das vergangenen Sonntag bei den Wormser Nibelungenfestspielen seine Derniere vor der Kulisse des Wormser Doms feierte. Melle war 2017/18 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim.

Unter der Regie von Lilja Rupprecht konnte das Publikum Schauspielgrößen wie Klaus Maria Brandauer in der Rolle des Hagen erleben, Kathleen Morgeneyer, früheres Ensemblemitglied am Frankfurter Schauspiel, als Kriemhild, Inga Busch als Brünhild und Boris Aljinovic als Gernot.

Allein der Bühnenaufbau, der an die aufwendigen Verhüllungsaktionen des Künstlerpaars Christo und Jeanne-Claude erinnerte, war sehr gelungen und bot eine optimale Spielwiese für die letztlich grauenerregenden Inhalte, die das wohl berühmteste deutsche Heldenepos aus dem Mittelalter, das Nibelungenlied, für sein Publikum bereithielt.

Das Stück begann mit dem zweiten Teil des Epos, in dem Kriemhild zur Rachegöttin wird, um den heimtückischen Mord an ihrem ersten Gatten Siegfried zu sühnen. Ihr Sohn Ortlieb (Lisa Hrdina), der aus der zweiten Ehe mit dem Hunnenkönig Etzel stammt, hat sich jedoch zum Ziel gesetzt, das Schicksal nicht hinzunehmen, das mit seinem Tod endet, sondern den Lauf der Ereignisse aktiv zu verändern: „Gebt mir einen neuen Anfang, meinen Anfang, nur für mich. Denn ich will leben, einfach leben.“ Mit dem Spielmann, seinem Gefährten (Edgar Eckert), sowie seiner ihm eigenen kindlichen Naivität und störrischen Durchsetzungskraft, dreht er die Uhren der Geschichte zurück: Die Handlung beginnt am Hof zu Worms, wo die Burgundische Königstochter Kriemhild mit ihrer erblindeten Mutter Ute (Andreas Leupold) und den Brüdern König Gunther (Moritz Grove) und Gernot in völliger Erstarrung und Langeweile lebt. Da erscheint Siegfried (Alexander Simon) am Wormser Hof und erobert Kriemhilds Herz im Sturm. Auch König Gunther soll sich vermählen und wirbt um die isländische Prinzessin Brünhild, die mit ihrer Amme Frigga (Winfried Küppers) in absoluter Abgeschiedenheit lebt. Diese tut kund, dass sie nur denjenigen ehelichen wird, der sie bezwingt. Da der schwache König es nicht vermag, übernimmt Siegfried das im Schutz der Dunkelheit für ihn.

Die Doppelhochzeit von Gunther und Brunhild sowie Siegfried und Kriemhild findet im Wormser Dom statt. Wunderbar war der Einzug der prächtig geschmückten Hochzeitsgesellschaft durch das Publikum und der Eintritt der Protagonisten in den Wormser Dom, wobei sie mit der Kamera begleitet wurden und das Publikum das Geschehen im schwach erleuchteten Dom über die Leinwand mitverfolgen konnte. In der Hochzeitsnacht benötigt Gunther abermals Siegfrieds Hilfe, um Brünhild gefügig zu machen. Beide Königinnen gebären ein Kind und im Streit enthüllt die eifersüchtige und gekränkte Kriemhild ihrer Widersacherin Brünhild, dass beide Kinder von Siegfried gezeugt wurden. Brünhild schwört Rache und befiehlt Siegfrieds Ermordung. Naiv hat Kriemhild im Vorfeld dem Gefolgsmann Hagen die einzige verwundbare Stelle Siegfrieds verraten, der durch ein Bad in Drachenblut sonst unverwundbar ist, da sie glaubt, dadurch würde er besonders beschützt. Hagen nutzt dieses Wissen aus, um Siegfried im Namen Brünhilds zu töten. Ortlieb, Warner und Mahner im Hintergrund, hat bisher ohnmächtig zugesehen, wie seine Mutter immer wieder die gleichen Fehler macht. Bevor er aber selbst zum Opfer Hagens wird, wie die Sage es beschreibt, entledigt er sich seiner Mutter. Der Spielmann, seiner Fantasiewelt verhaftet, ist inzwischen wegen fehlender Konsequenz unbrauchbar für Ortlieb geworden. Am Ende begleitet der mutige Ortlieb Hagen auf die „andere Seite“ und grenzenlose Ödnis erfüllt den bleichen Platz.

Mit dieser Inszenierung schuf Lilja Rupprecht ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk. Durch den Einsatz von Musik, Chorgesang, Schauspiel und Filmprojektionen wurde ein Spannungsbogen geschaffen, der die Schauspieler sicher durch das Stück leitete. Kostümbildnerin Annelies Vanlaere stattete die Darsteller mit fantasievoller Hand aus. Die Sprache des Autors Thomas Melle bewegte sich mit dem humorvollen Sprechgesang König Gunthers im ersten Teil bis zu den sagenhaften Reimen diverser Protagonisten zwischen Mittelalter und Moderne, was beim Publikum bestens ankam. „Sprache erschafft Welten, und sie strukturiert unsere Welt, im Kopf und auch draußen, im Austausch“, erläuterte Thomas Melle im umfangreichen Programmheft. Gegen Mitternacht verließen die Zuschauer dann beschwingt den herrlichen Aufführungsort.

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