Monika Steinkopf zum Tod von Günter Kunert

Es war ein besonderes Stadtschreiberjahr

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Günter Kunert bei seiner Signierstunde in der Berger Bücherstube. Foto: p

Bergen-Enkheim (red) – Bergen-Enkheims langjährige Buchhändlerin Monika Steinkopf erinnert sich an den am 23. September im Alter von 90 Jahren in seinem Haus in Kaisborstel verstorbenen Stadtschreiber von Bergen-Enkheim 1983/84 Günter Kunert:.

Günter Kunert, 1929 in Berlin geboren, war einer der bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Als Halbjude war ihm eine höhere Schulbildung verwehrt. Er machte eine Lehre als Verkäufer und studierte nach dem Krieg Kunst in Berlin/Ost. Sein literarisches Werk umfasst heute mehr als 100 Einzelveröffentlichungen: Lyrik, Prosa, Tagebücher, Essays, Filme und Kinderbücher. Er verließ 1976 die DDR mit einem Dauervisum und ließ sich in Schleswig-Holstein nieder.

Das Stadtschreiberjahr 1983/84 war ein besonderes: Die damalige Jury – darunter Marcel Reich-Ranicki und Walter Höllerer – wählte Kunert zum Nachfolger von Jurek Becker. Als die Zeitungen diese Nachricht verbreiteten, war dort zu lesen, dass Günter Kunert im Jahr 19 mit sieben sedierten Katzen von Berlin/Ost in den Westen ausgereist war. Das rief eine Bergen-Enkheimerin auf den Plan. Sie kam in die Bücherstube und bat dem künftigen Preisträger doch auszurichten, dass sie gerne für seine Katzen sorgen würde, wenn Herr Kunert mal zu Lesungen unterwegs sein müsse. Seine Antwort kam postwendend: „Alle Katzen mitzubringen, wäre für die Tiere kein Vergnügen. Es hat schon gereicht, die Katzen aus der DDR umzuziehen. Ihr Vorschlag, vielleicht eine kleine Grafik- oder sonstwie geartete „Bilder“-Ausstellung zu machen, verlockt mich sehr.“ Die fand auch statt in der Galerie der Bücherstube anlässlich seiner Lesung in der voll besetzten Stadthalle.

Der Redner für das Stadtschreiberfest 1983 war Pastor Heinrich Albertz. Es war eine bewegende Rede. 1984 brachten Riedschüler unter der Leitung von Katharina Mai-Kümmel die Kinderkantate „König Midas“ nach Texten von Günter Kunert zur Uraufführung. Der Dichter saß mit seiner Frau Marianne in der ersten Reihe.

Den Bergen-Enkheimern hinterließ Kunert ein Gedicht, veröffentlicht in den „Poetischen Blättern“ der Berger Bücherstube mit dem Titel „Kleinstadt“: „Die Straßen eng. Die Gassen krumm./Blech dicht an Blech. Der Abend stumm./Von einem längst vergessenen Wirt/gebannt, wer lebt an einem solchen Ort/und geht umher, stirbt Schritt für Schritt:/Ich, er, sie, es: Wir sterben mit/So sacht ein jeder es vermag./Die Welt rückt ferner: Tag für Tag/Und zeigt von sich ein Zeichen nur/Am hohen Blau: die Flugzeugspur.“ Im vergangenen Jahr erschien im Wallstein Verlag „Die zweite Frau“, begonnen vor 45 Jahren und in der DDR aus Furcht vor Verhaftung nicht veröffentlicht. Letzte Gedichte erschienen zwei Tage vor seinem Tod im Hanser Verlag: „Zu Gast im Labyrinth“. Bei Wallstein erschienen für Frühjahr 2020 unveröffentlichte Erzählungen. Arbeitstitel von Kunert: „Vom Friedhof nichts Neues“. Es lohnt sich, das umfangreiche Werk von Günter Kunert neu und wieder zu entdecken.

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