Jährliche Ammes-Schneider-Lesung vor der Nikolauskapelle

Literatur unter freiem Himmel

Die amtierende Stadtschreiberin Anja Kampmann (links) im Gespräch mit ihrer Nachfolgerin Anne Weber. Foto: Ohlmeier

Bergen-Enkheim (zko) – Es war ein Abend der Überraschungen: Die jährliche Ammes-Schneider-Lesung fand unter freiem Himmel auf dem Vorhof der Nikolauskapelle und mit ausreichend Abstand zwischen den Gästen statt, war aber auch unabhängig davon sehr innovativ.

Sehr zur Freude aller war auch Adrienne Schneider, Tochter des Stadtschreiber-Erfinders und Mitglied der Jury, anwesend.

Die noch bis Ende August amtierende Stadtschreiberin Anja Kampmann, nach einer durch die Pandemie angeordneten Pause von drei Monaten erst seit drei Wochen wieder im Stadtschreiberhäuschen beheimatet, eröffnete die Veranstaltung mit einem Gedicht des ungarischen Schriftstellers Béla Hamvas über den Juni – den roten Monat der Erdbeeren, Kirschen und des Klatschmohns. Die Autorin las anschließend einen Dialog aus ihrem 2018 publizierten Roman „Wie hoch die Wasser steigen“. Kampmanns Kunstgriff, sich als Autorin weitgehend im Hintergrund zu halten und ihre Figuren erzählen zu lassen, wurde dabei einmal mehr offenbar. Einen Ausflug in ihr lyrisches Schaffen ließ sich die Schriftstellerin auch nicht nehmen und präsentierte dem Publikum Gedichte über Frost und Fracking.

Bei früheren Veranstaltungen hatten danach andere Jurymitglieder Texte ehemaliger Stadtschreiber gelesen, diesmal war auch das anders. Mit Verkünden des Namens betrat die designierte Stadtschreiberin 2020/21 Anne Weber selbst das Podium. Die noch amtierende und die zukünftige Stadtschreiberin ließen die Gäste an einer lebendigen Diskussion über Schreibmotivation, Perspektiven und Methode teilhaben. Sie tauschten sich über ihren vorsichtigen Umgang mit dem vorhandenen Material aus. Anne Weber schreibt in deutscher und französischer Sprache und ist mit ihrem Buch aus dem Jahr 2015 „Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch“ einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden. Sie machte deutlich, dass der Wechsel der Sprachen eine geeignete Methode sei, um sich vom Text zu distanzieren. „Wenn man die Sprache wechselt, ist es, als könnte man beim Schreiben aus sich heraussteigen.“

Dieses Jahr veröffentlichte Weber „Annette, ein Heldinnenepos.“, in dem es um eine real existierende Kämpferin der Résistance geht, die nach dem Krieg Neurophysiologin in Marseille wurde. Anne Weber berichtet darin über das schillernde Leben von Anne Beaumanoir. Für ihr Publikum las die zukünftige Stadtschreiberin, die am letzten August-Wochenende offiziell ihr Amt übernimmt, die letzten Seiten ihres Werks „Ahnen“. Es stellt eine Annäherung an ihren Urgroßvater, dessen Spuren sie bis nach Polen verfolgte, und die dazwischenliegenden Generationen dar. „Das, was ich geschrieben habe, ist nicht die Wirklichkeit, sondern ein Herantasten, eine Reise in die Vergangenheit ohne ein Ankommen“. In der Passage auf einem polnischen Friedhof an Allerseelen stellte sich Weber die Frage nach dem Verhältnis der Lebenden zu den Toten.

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