Clemens Meyer gibt das Stadtschreiber-Amt an Anja Kampmann weiter

Literatur drückt Türen auf

Clemens Meyer gibt den symbolischen Schlüssel zum Stadtschreiberhaus an seine Nachfolgerin Anja Kampmann weiter. Foto: nma

Bergen-Enkheim (nma) – Zum 46. Mal wurde ein neuer Bergen-Enkheimer Stadtschreiber gekürt. Eine Stadtschreiberin in diesem Fall. Anja Kampmann übernahm das symbolische Amt von Clemens Meyer, zudem sprach auch Fotograf und Regisseur Hanns Zischler.

Kampmann beeindruckte mit ihrer Amtsantrittsrede und wurde von den Bergen-Enkheimern bejubelt.

Bis auf den letzten Platz besetzt ist das große Festzelt auf dem Berger Marktplatz. Gespannt blicken die zahlreichen Anwesenden auf die Bühne und erwarten die Reden des amtierenden Stadtschreibers und die Übergabe des Amts an die neue Stadtschreiberin. Kulturdezernentin Ina Hartwig konnte dem Abend selbst nicht beiwohnen, ließ aber von Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese ihre Grußworte ausrichten: „Anja Kampmann reiht sich ein in die lange Liste der Bergen-Enkheimer Preisträger.“ Unter diesen befänden sich schließlich sechs spätere Büchner-Preisträger und mit Herta Müller sogar eine Nobelpreisträgerin. Kampmann sei mit ihrem unverwechselbaren Stil eine würdige Nachfolgerin von Meyer.

Die Festrede hält schließlich Hanns Zischler. Er hat sich die Street-Photography als Thema für seine Festrede ausgewählt. Das tangiert die Themen des Abends zwar nicht, doch erhält er sehr viel Applaus von den Bergen-Enkheimern für seine Kritik an der Datenvermarktung großer Konzerne und den Problemen der Fotografie, die durch Smartphones ausgelöst werden.

Dann darf Clemens Meyer an das Mikrofon treten. Ein Jahr lang war er der Stadtschreiber im Ort und war oft in Bergen-Enkheim, wie Müller-Friese ihn ankündigt. „Nur nachts kommen die Geister“, zitiert Meyer aus einem seiner Bücher. „Das steht auch im Stadtschreiberhaus an einer Tür. Wie kommt es da hin? Nun ja, es ist meine Schrift.“ Was die „Geister“ sind, deutet er nur an. Spricht über düstere Gedanken. Doch weiß er, wo er sich tagsüber vor diesen verstecken kann: „Aus dem Tagebuch des Stadtschreibers“, liest er vor. „Ich bin mal wieder nach Enkheim gefahren. Niemand kennt mich. Die Riedstraße wird zur Triebstraße. Oder umgekehrt?“ Eigentlich habe er an dem Tag nicht ins Hessen-Center gehen wollen. „Doch das Hessen-Center will mich.“ Dort besucht er zuerst die Buchhandlung, findet kein Buch von sich. Das Publikum grölt während der sehr humoristischen Tagebucheinträge Meyers. „9. Mai. Der Stadtschreiber ist erneut im Hessen-Center und observiert zwei potenzielle Islamisten. Der Stadtschreiber weiß, dass sie solche sind, denn er kommt aus Sachsen“, liest er weiter und immer mit einem großen Augenzwinkern. „Die beiden bleiben an einem Stand stehen, trinken Bier und reden hessisch. Der Stadtschreiber bricht die Observierung ab.“

Im Anschluss überreicht Meyer den symbolischen Schlüssel zum Stadtschreiberhaus an Anja Kampmann. Diese strahlt und stellt sich schließlich selbst an das Rednerpult zu ihrer Antrittsrede. „Es ist wunderbar, hier vor Ihnen zu stehen und diesen Preis zu erhalten für Geschichten und Gedichte, die ich über Jahre geschrieben habe“, beginnt sie. „Ich bin hier, um Ihnen für diesen Preis zu danken.“ Sie glaube daran, dass Sprache und Poesie etwas bedeuten, dass wir im Alltag immer mehr vermissen. „Ich glaube, Schreiben ist immer auch eine Verbeugung vor den Stimmen, die uns geprägt haben.“ Vielleicht sei es das Rätselhafte, dass Literatur uns immer an Orte führe, an denen man sich letztendlich nur selbst wiederfinde. „Das Schöne muss immer aufleuchten können“, sagt sie. „Und die Literatur ist etwas, das die Tür aufdrückt, bevor die Angst sie wieder verschließt.“ Nach ihrer Rede wird Anja Kampmann von den Bergen-Enkheimern zurecht bejubelt.

Das symbolische Amt des Stadtschreibers wurde in Bergen-Enkheim vor 46 Jahren erfunden. Es berechtigt zum Wohnen im Stadtschreiberhaus für ein Jahr und ist zudem mit 20.000 Euro dotiert. Mehrere Städte haben diese Frankfurter Idee mittlerweile adaptiert.

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