Spaziergang zu den Stätten der Stadtschreiber

Kneipen als Schauplätze

Margot Wiesner erzählt im Innenhof des Stadtschreiberhauses von klemmenden Türen und bedrückend engen Schuppen. Foto: zbs

Bergen-Enkheim (zbs) – „Bergen als Inspiration”: Margot Wiesner vom Stadtschreiberarchiv Bergen-Enkheim führte interessierte Literaturfreunde zu jenen Stellen Bergens, die in Texten der ehemaligen Stadtschreiber auftauchten.

Für den Spaziergang hatten sich die Teilnehmer vorab angemeldet. Auf den Spuren der Stadtschreiber führte Wiesner die Gruppe die Marktstraße entlang über die Nikolauskapelle und mehrere Kneipen bis hin zum Stadtschreiberhaus, das derzeit vom amtierenden Stadtschreiber Clemens Meyer bewohnt wird.

Wolfgang Hilbig, Stadtschreiber von 2002, war Alkoholiker und philosophierte im Gästebuch der Kneipe „Markt 34” gerne breite Absätze lang. So schrieb er: „An meine Bergen-Enkheimer: Der Stadtschreiber säuft, aber er wird das ändern.” Der Mann sei ein Autodidakt und ein ganz besonderer Bewohner der Oberpforte 4 gewesen, 2007 verstarb er jedoch, wie die Teilnehmer des Stadtschreiberspaziergangs erfuhren.

Von der dörflichen Stimmung in den Bergener Kneipen schwärmte Dieter Kühn schon 1980. Den Schriftsteller verschlug es häufiger in die „Alte Post”, die in seinem Roman „Die Kammer des schwarzen Lichts” auch einen Auftritt hat. Kneipen böten häufiger Schauplätze, die es in die Werke der Stadtschreiber schafften, auch jene Kneipen, die heute gar nicht mehr da sind. „In Bergen kann man den Leuten viel zeigen, was es nicht mehr gibt”, sagte Wiesner lachend und deutete auf eine Stelle in der Nähe des Stadtschreiberhauses, an der früher einmal die Schänke „Oberpforte” stand. Der Schweizer Autor Peter Bichsel traf dort einmal einen Landsmann und berichtete darüber ausführlich in seinem Werk „Warten in Baden-Baden”.

So ging die Tour weiter, vorbei an unscheinbaren Orten, die so teilweise kaum noch existieren, die es aber geschafft haben, auf literarische Weise in den Texten der Stadtschreiber weiterzuleben. Halt macht die Gruppe schließlich am Stadtschreiberhaus, dessen Innenhof der jetzige Bewohner Clemens Meyer zur Verfügung stellte. Auch dort hatte das Archiv einige Geschichten auf Lager, unter anderem von der geheimnisvollen Gartentür, die immer aufs Neue klemmt und dem Schuppen, in dem sich Uwe Timm („Die Entdeckung der Currywurst“) einmal versehentlich selbst einsperrte.

Die Gäste genossen dort auch eine Erfrischung bei der morgendlich aufsteigenden Sommerhitze, tranken und lachten im Schatten der Sonnenschirme.

Möglich sind diese genauen Erzählungen und Geschichten durch langjähriger Bewahrung der Arbeiten der Stadtschreiber. In erster Linie ist der Stadtschreiberpreis eine Art Stipendium, meist darf ein aufstrebender Verfasser ein Jahr mietfrei im Stadtschreiberhaus wohnen und bekommt zusätzlich Geld, sodass er sich ein Jahr lang sorglos der Arbeit widmen kann. Was dann dabei herauskommt, behält das 2009 gegründete Stadtschreiberarchiv von Bergen-Enkheim. Nach dem Stadtschreiberfest zum Auftakt des Berger Markts wird der Schlüssel zum Stadtschreiberhaus an Anja Kampmann weitergereicht, vielleicht fügt sie ja der Ansammlung Bergener Inspirationen etwas hinzu.

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