Salim Alafenisch begeistert bei der Lese-Insel

Vom Kamelhüter zum gefeierten Schriftsteller

Der Autor Salim Alafenisch entführte sein Publikum in die faszinierende Welt des Morgenlandes. Foto: zko

Bergen-Enkheim (zko) – Schlagartig breitete sich der Zauber aus 1001 Nacht im Bibliothekszentrum Bergen-Enkheim aus: Zu Gast beim Verein Lese-Insel war Salim Alafenisch. Der Schriftsteller wurde als Sohn eines Beduinenscheichs in der Negev-Wüste geboren.

Als Kind hütete er Kamele, erst mit 14 Jahren lernte er lesen und schreiben. Der heute 71 Jahre alte Autor von insgesamt neun Büchern studierte Ethnologie, Soziologie und Psychologie an der Universität Heidelberg, wo er noch heute lebt.

In der Tradition orientalischer Erzählkunst las Alafenisch seine Geschichten nicht vor, sondern erzählte sie. Schon zu Beginn des eindrucksvollen Abends betonte er, dass der Weg das Ziel sei, die Lust am Erzählen und nicht die Kunst des Beendens sorge für die typische Magie der Geschichten des Morgenlandes.

Der Polygamie in der arabischen Welt näherte er sich mit der Erzählung „Die acht Frauen des Großvaters“, die bereits 1990 in Buchform erschien. Wenn die Arbeit des Tages vollbracht war, rief die Mutter ihre Kinder um das Feuer und erzählte ihnen acht Nächte lang faszinierende Geschichten von den acht Frauen des Großvaters, dem Scheich des Beduinenstamms aus der Negev-Wüste. Der Alltag des alten Stammeslebens war geprägt von Glück und Sorge, Streit und Versöhnung. Die acht Frauen achteten nämlich sehr genau darauf, dass der Großvater die Reihenfolge einhielt und die Nächte jeweils bei einer anderen von ihnen verbrachte. Um ihn zu kontrollieren, überprüften seine Frauen die Spuren im Sand, die er nachts hinterließ. Dem Großvater wurde das mit der Zeit lästig, sodass er eine List anwandte: Er ließ sich einen langen Umhang schneidern, den er nachts trug, um damit seine Spuren zu verwischen. Alafenisch ließ offen, ob es für seinen Großvater danach ruhiger wurde, erläuterte jedoch, dass er ihn oft bedauert habe.

Bereits als Kind nahm der Autor die Tradition seines Stammes und die Sitten und Gebräuche der Wüste in sich auf und trägt sie seit Jahrzehnten durch die Kunst des Geschichtenerzählens sowie seine faszinierenden Bücher in die Welt des Abendlands.

Thema dieses Abends war auch die traditionelle Gastfreundschaft der Beduinen: Besucher wurden im Scheichzelt seines Vaters mit gewürztem Kaffee empfangen und waren gut beraten, zu wissen, welche Bedeutung die Anzahl der genossenen Kaffeeschalen hatte. Trank man nämlich eine zu viel, galt das als sehr unhöflich.

In seinem Buch „Die Feuerprobe“ aus dem Jahr 2007 befasste sich Salim Alafenisch mit der archaischen Rechtsprechung der Beduinen: Sein Stamm in der Negev-Wüste wurde vor vielen Jahren von der Nachbarsippe des Mordes an einem Stammesmitglied verdächtigt. Da moderne Vermittlungsbemühungen und gängige juristische Methoden scheiterten, kam es zu einer radikalen Form der Wahrheitsfindung: Der Feuerprobe. Der älteste Sohn des Scheiches musste diese bestehen. Alafenisch schilderte, wie eine Eisenpfanne so lange erhitzt wurde, bis sie rot glühte. Der vermeintliche Delinquent musste seine Zunge drei Mal an die heiße Pfanne halten. Die blieb glücklicherweise unversehrt und die Unschuld des Stammes war somit bewiesen. Wäre sie dabei jedoch verletzt worden, hätten vier Männer des Stammes zur Sühne sterben müssen.

Salim Alafenisch machte zum Schluss der schönen Veranstaltung noch einmal deutlich, dass es die Gemeinsamkeiten aller Menschen und Religionen sind, die es gelte herauszuarbeiten, denn das mache einen Gutteil der Faszination aus.

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