Anja Kampmann wird Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim

Ein großes Gedicht

Anja Kampmann wird neue Stadtschreiberin. Foto: Juliane Henrich/p

Bergen-Enkheim (zko) – Bei der zehnten Ammes-Schneider-Lesung wurde traditionell in der Nikolauskapelle der neue Stadtschreiber von Bergen-Enkheim – in diesem Fall die Stadtschreiberin – vorgestellt.

Die Spannung war groß, als die Mitglieder der Stadtschreiberjury Anna Doepfner, Charlotte Brombach und Ulrich Sonnenschein Texte ehemaliger Stadtschreiber lasen, bevor Renate Müller-Friese schließlich aus einem Buch der zukünftigen Stadtschreiberin Anja Kampmann las.

Buchhändlerin Anna Doepfner las aus Peter Bichsels „Was wäre, wenn? – Ein Gespräch mit Sieglinde Geisel“. Für das ausführliche und spannende Interview saßen Bichsel und Geisel tagelang im Solothurner Arbeitszimmer des Autors sowie in seiner Stammkneipe. Themen waren Glaubensfragen, die Vorteile der Mundart für das Schreiben und warum er auf eine einsame Insel kein Buch mitnehmen würde.

Ulrich Sonnenschein trug aus dem Erzählband „Die Obdachlosigkeit der Fische“ von Wilhelm Genazino vor, in dem der Autor 75 Episoden publizierte. Eine Grundschullehrerin erzählt darin Geschichten ihres glücklosen Lebens. Charlotte Brombachs Beitrag war ein Auszug aus dem Buch „Der König verneigt sich und tötet“ von Herta Müller. Die deutsche Autorin wuchs im rumänischen Banat unter der kommunistischen Diktatur Ceausescus auf und reiste im Jahr 1987 in die Bundesrepublik Deutschland aus. Sprache erfuhr sie in Deutschland auch als Möglichkeit der Bewusstwerdung und Selbstbehauptung.

Schließlich setzte sich Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese, um aus Anja Kampmanns im vergangenen Jahr erschienenen Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“ zu lesen. Kampmann erzählt darin von Wenzel Groszak, einem Arbeiter einer Ölbohrplattform, der durch einen Unfall seinen einzigen Freund verliert. Ziellos reist Groszak fortan umher und nähert sich allmählich seiner großen Liebe Milena. In der Begründung der Stadtschreiberjury hieß es, dass man sich für die junge Autorin entschieden habe, da sie mit ihrem ersten Roman quasi ein großes Gedicht geschrieben habe. Der lyrische Ansatz ihrer Sprache sei beeindruckend. Sie zeichne eine gleißende Gegenwart und bewege sich erzählerisch in einer schwierig zu umreißenden Zeitlosigkeit.

Die Autorin, die am letzten Augustwochenende in Bergen-Enkheim als neue Stadtschreiberin begrüßt werden wird, wurde 1983 in Hamburg geboren und studierte in Hamburg und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie auch heute noch lebt.

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