Große Tristesse und kleine Wunder

Stadtschreiber Clemens Meyer liest im Bibliothekszentrum

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Am Ende eines spannenden, literarischen Abends signierte Stadtschreiber Clemens Meyer jede Menge seiner Bücher.

Bergen-Enkheim (zko) – Stadtschreiber Clemens Meyer ist immer für Überraschungen gut.

Bevor er im Bibliothekszentrum Bergen-Enkheim mit seiner Lesung bei der Lese-Insel begann, berichtete er, dass er seit 14 Tagen am Schreibtisch des Stadtschreiberhauses säße, kontinuierlich arbeite und kaum vor die Tür käme. Abwechslung suche er auf den Spuren vorhergehender Stadtschreiber in Lokalen auf der Marktstraße und habe nun auch das Hessen-Center für sich entdeckt, vor dem er Respekt und Ehrfurcht hatte, weil es in aller Munde war und er es vor Kurzem noch nicht kannte. In Bergen würde er von vielen erkannt und gegrüßt, kaum spaziere er nach Enkheim, kenne ihn niemand mehr. Beides habe Vor- und Nachteile, so Meyer amüsiert.

Der Stadtschreiber begann seine Lesung mit einem Kapitel aus seinem vom Feuilleton gefeierten Montageroman „Im Stein“, in dem er sich auf 560 Seiten dem Rotlichtmilieu, der Kriminalität und der Korruption widmet. Seine Hauptfigur Arnold Kraushaar ist Geschäftsmann durch und durch und nicht zimperlich, wenn es um das Verfolgen seiner Interessen geht. Meyer schildert die raue Wirklichkeit in seinen Büchern ganz ungeschminkt, scheint aber Verständnis, ja sogar Zärtlichkeit gegenüber seinen Protagonisten zu empfinden.

Aus seinem Debütroman „Als wir träumten“ las er das Kapitel „Palasttheater“: In diesem Roman geht es um eine Freundesgruppe, deren Kindheit und Jugend vor und nach der Wende erzählt wird. Seine Protagonisten wirken am Ende zerbrechlich und der veränderten Realität ausgeliefert. Im Palasttheater, einem verwaisten Kino und früheren Treffpunkt, hält sich einer der Freunde, der drogenabhängige Marc, versteckt und wird von Daniel aufgespürt, der versucht, ihn mit der Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse aus dem Dunklen zu holen, aber es scheint zu spät zu sein. Aus seinem Band „Die stillen Trabanten“ las Meyer zum Schluss die Erzählung „Späte Ankunft“, in dem der Autor eindrücklich den Beginn der Freundschaft zweier Frauen schildert. Auch da besticht der einfühlsame Blick Clemens Meyers, mit dem er die kleinen Wunder des Alltags in einer tristen Welt der Werktätigen betrachtet.

In der sich anschließenden Diskussion beschrieb der Autor, dass er seine Texte permanent überarbeite bis sie fertig seien, es sei viel Arbeit wie das meiste im Leben. Er feile lange an seiner Sprache, denn Atmosphäre und Dichte seien ihm das Wichtigste, die Sprache sei „ein Raum, in dem Klänge und Gerüche“ erfahrbar seien. „Ich beobachte viel, am Schreibtisch formt es sich, manches stimmt, manches nicht. Ich habe mir zum Beispiel sagen lassen, dass es Trockenhauben in Friseursalons nicht mehr gibt, so wie ich es in ,Späte Ankunft’ beschreibe, aber das ist stört ja nicht“, erläuterte der Schriftsteller. Vieles entstehe in der Konstruktion, meistens lägen den Schauplätzen reale Ort zugrunde, die sich jedoch verändert zeigten, denn es mische sich stets ein wenig Surreales herein. Die „Straßen des Zufalls“ führten einen Autor zuverlässig, man müsse nur erkennen, wohin. „Ich muss sehr viel mehr wissen, als im Roman sichtbar wird, der nur den oberen Teil des Eisbergs zeigt“, sagte Meyer. Darauf angesprochen, dass seine Texte recht düster seien, er selbst aber so amüsant erzähle, sagte er lachend, dass sein nächstes Werk mehr Leichtigkeit und Witz besäße, es sei „eine Mischung aus Doktor Schiwago und Soldat Schwejk“.

Es war ein sehr spannender Abend, an dem Clemens Meyer noch lange seine Bücher signierte.

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