Poet und Leser

Stadtschreiber 1981/82 Peter Bichsel wird 85 Jahre alt

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Die Radierung des Illustrators Klaus Waschk zeigt das Geburtstagskind Peter Bichsel.

Bergen-Enkheims ehemalige Buchhändlerin erinnert sich noch gut an den Stadtschreiber von Bergen-Enkheim 1981/82 Peter Bichsel, der am 24. März seinen 85 Geburtstag feiert:

Bergen-Enkheim – „Er war der achte Stadtschreiber und als Schweizer der erste Ausländer, der den Preis erhielt. Das Festzelt konnte damals die Zuhörer nicht fassen. Sein Landsmann, der berühmte Schriftsteller Max Frisch, war aus New York, nach Bergen-Enkheim gekommen, um für ihn die Festrede zu halten. Es war am 28. August 1981, Goethes Geburtstag. Es war eine gewaltige Rede. Frisch endete mit den Worten: ,Bürgerinnen und Bürger von Bergen-Enkheim: Verwöhnt unseren Gast nicht zu sehr! Wir wollen Peter wieder zurück. Nämlich wir brauchen ihn.’

Bichsel dankte in seiner ebenso beeindruckenden Rede für die Zeit, die ihm als Stadtschreiber geschenkt würde und versprach, er würde versuchen, möglichst viel von der geschenkten Zeit zurückzuschenken. Und er war wirklich „ein Jahr unter Leuten“ wie es in seiner Abschiedsrede heißt.

Bergen-Enkheim: Der Stadtschreiber von Bergen-Enkheim

Was Max Frisch damals im Zelt noch nicht prophezeien wollte, war, ob Bergen-Enkheim in die schweizerische Literatur eingehen würde. Doch in vielen seiner berühmten Kolumnen erzählte Bichsel von dem Stadtteil und in einer der Erzählungen in dem Band „Der Busant“ ist er ohne Zweifel zu erkennen. Immer wieder ist Peter Bichsel nach Bergen-Enkheim zurückgekehrt, später oft mit seinem Freund Jörg Steiner, der dann 1997 der 24. Stadtschreiber wurde. Lange Zeit war er Mitglied der Jury. Bergen-Enkheim hat Peter Bichsel viel zu verdanken. Nun feiert er am 24. März seinen 85. Geburtstag. Als Peter Bichsel den Schlüssel zum Stadtschreiberhäuschen übergab, hinterließ er für die „Poetischen Blätter“ der Berger Bücherstube folgendes Gedicht für die Bergen-Enkheimer:

Équilibre

Wenn helmut seinen hut/tief bis zu seinen knien zieht/wenn Helmut wie ein seiltänzer/seinen fuß vor den anderen setzt/und einen nüchternen spielt/dann tut er das für mich

angesprochen darauf,/erklärt er dem stadtschreiber/eine dame eine dame habe ihm das beigebracht

im sommer und ohne hut/fällt ihm das grüßen schwer/doch der knicks in seiner lende/der winters der bewegung seines hutes folgt/bleibt derselbe/wenn ich gefragt werde/ob bergen schön sei/werd ich verlegen/und wenn ich traurig sein werde/beim weggehen/hat das mit der schönheit von bergen/nichts zu tun

nur damit/daß ich mich gewöhnt habe/an karl den elektriker/an ingrid an reinhold/an kilian an alfred/an egon und an theo

und an den tiefgezogenen hut/von helmut/im winter/und an den gang des seiltänzers/auf dem weg zur trinkhalle.

Die Trinkhalle, an der Bichsel sich mit den Freunden traf, gibt es nicht mehr. Das alte Fachwerkhaus, für dessen Erhalt später Eva Demski eine Demonstration anführte, musste wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Es fiel nicht unter Denkmalschutz. Es stand dort, wo heute der kleine Platz zur Nikolauskapelle führt. Schreiben will Peter Bichsel nicht mehr, aber ein Leser wird er bleiben.“

(red)

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