Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestags der Novemberpogrome

Von der Arisierung von Betrieben jüdischer Eigentümer

Der Journalist Armin H. Flesch öffnete seinem Publikum die Augen über das Thema Arisierung im Dritten Reich. Foto: zko

Bergen-Enkheim (zko) – Die Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Berger Opfer der Novemberpogrome begann bei strömendem Regen gegenüber der ehemaligen Synagoge in der Conrad-Weil-Gasse.

Edith Haase von der Initiative Stolpersteine Bergen-Enkheim und Pfarrerin Kathrin Fuchs begrüßten die Teilnehmer, Mitglieder der Initiative verlasen die Namen und Todesdaten der Opfer. In einem hölzernen Davidstern am Boden war für jedes der Opfer der Rassenpolitik des nationalsozialistischen Regimes eine mit Namen beschriftete Kerze aufgestellt worden, die nach der Gedenkzeremonie ins Evangelische Gemeindezentrum hinübergetragen wurde.

Dort schloss sich ein Vortrag von Armin H. Flesch an, freier Autor und Journalist, der über das Thema „Die Erben der Arisierung. Vom Umgang heutiger Eigentümer mit der NS-Vergangenheit ihrer Firmen und Familien“ referierte. Zunächst stellte der Journalist klar, dass die Bezeichnung jüdische Rasse natürlich ein reines Konstrukt gewesen sei, da Menschen jüdischen Glaubens genauso wenig eine Rasse seien wie Menschen christlichen Glaubens oder Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften. „Die Arisierung, die sogenannte Rückführung jüdischen Besitzes in die Hände von Ariern, war die Schnäppchenjagd des Dritten Reiches“, sagte Flesch. Im Namen des sogenannten Rechtsstaates wurde Unrecht begangen. Der Referent zeigte in seiner Bildpräsentation Fotos von Bergen an Brillen und Uhren aus den Konzentrationslagern, sowie Säcke mit Haaren und massenweise Zahngold. „Es war eine Massenverwertung und die Konzentrationslager regelrechte Schlachthöfe“, erläuterte Flesch.

Anhand zweier Beispiele mittelständischer Unternehmen in Frankfurt veranschaulichte Flesch die perfide Vorgehensweise der Nazis, sich Betriebe jüdischer Unternehmen anzueignen und dieses Tun im Nachhinein zu rechtfertigen, indem man beteuerte, dass die Arisierung eine „Hilfe für verfolgte Juden“ war, damit sie Geld zur Ausreise hatten. Das erste Unternehmen – unter jüdischer Leitung die Firma Gebrüder Vogel – wurde nach der Arisierung zu Elsen & Hemer; so heißt die Firma für Materialbedarf des Sattlereibetriebs noch heute. In einem vor vier Jahren in einer Frankfurter Zeitung erschienenen Beitrag erläuterte Flesch, wie die Besitzer der Firma Elsen & Hemer bewusst ihre Geschichte umschreiben: „Auf wen die Firmengründung zurückgeht und warum die Gründer das Unternehmen verkaufen mussten, diese Historie wird in der Unternehmenschronik nicht erzählt“, sagte Flesch.

Zweites Beispiel war die Firma Zschimmer & Schwarz, eine Chemiefabrik in Oberlahnstein, deren Existenz auf die Arisierung der Flesch-Werke AG zurückging. Der Journalist recherchierte dafür im hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden und konnte Folgendes ans Tageslicht bringen: Der Vorstandsvorsitzende der Flesch-Werke, Herbert Flesch, wurde 1934 wegen angeblicher Devisenvergehen verhaftet und elf Monate inhaftiert. Sein Vater Carl Flesch, Aufsichtsratsvorsitzender der Firma, wurde unter Druck gesetzt, seinen Sohn aus der Geschäftsleitung zu entlassen. Im Jahr 1935 kam Herbert Flesch aus der Haft frei. Um einer weiteren Inhaftierung zu entgehen, floh Flesch aus Deutschland. Sein Vater starb kurz darauf und die Ariseure hatten freie Bahn. In diesem Fall hat Armin H. Flesch drei Jahre in diversen Archiven recherchiert, auch weil ihn die Aufarbeitung der weitverzweigten Familiengeschichte speziell interessierte. Das heute weltweit erfolgreiche und florierende Unternehmen Zschimmer & Schwarz möchte sich den historischen Tatsachen heute nicht stellen.

Zum Schluss des aufwühlenden Vortrags schlug der Journalist noch den Bogen zu den Geschehnissen in Bergen in der Nacht der Novemberpogrome und stellte heraus, dass viele Bürger Nutznießer der Zerstörung der Synagoge und der Deportation der Jüdischen Nachbarn gewesen seien, da deren Besitz günstig veräußert wurde. Der damalige Bürgermeister Karl Fey habe beispielsweise ohne jedes Unrechtsbewusstsein Steine der Synagoge für einen Anbau an seinem Haus erworben, Conrad Weil habe einen Teppich aus der Synagoge an sich genommen. Der Verantwortung habe sich jeder zu stellen, mahnte Armin H. Flesch. Geschichte bilde sich in den Biografien der Vorfahren ab und damit habe man sich auseinanderzusetzen. Ewald Wirth, Mitglied der Initiative Stolpersteine und Vertreter der katholischen Kirche, verabschiedete den Referenten mit großem Dank.

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