Landtagspräsident Boris Rhein z u Gast bei der Gedenkstunde in der Budge-Stiftung

Nie wieder so ein Zivilisati onsbruch

Ehrengäste, Bewohner und Mitarbeiter zünden Kerzen des Gedenkens an. Foto: Faure

Seckbach (jf) – Nur etwa 7500 Menschen waren noch am Leben – was auch immer man darunter verstehen mag – , als die Rote Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz erreichte und befreite.

„Über 1,1 Millionen Menschen – Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und politisch Missliebige waren Opfer der systematischen Ermordung in Auschwitz geworden. Seitdem ist Auschwitz das Synonym für Zivilisationsbruch“, sagte Thorsten Krick, Geschäftsführer der Budge-Stiftung, zu Beginn der Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus.

Immer weniger Zeitzeugen können von den Gräuel berichten. „Das Bewusstsein, diese dunkle Zeit und ihr Leid nicht zu vergessen, ist in unserem Haus hoch. Weniger hoch ist es in der Öffentlichkeit“, kritisierte Krick.

Den heutigen Redner, Landtagspräsident Boris Rhein, verbinde über die Familie Korenke eine langjährige Freundschaft mit der Budge-Stiftung. Der Stadtrat Hans-Ulrich Korenke hatte sich für die Partnerschaft zwischen Tel Aviv und Frankfurt, die es seit 1980 gibt, eingesetzt.

„Den Opfern des Naziregimes wurde Eigentum, Recht, Würde und Leben genommen“, begann Rhein seine Rede. Noch immer sei die Frage, wie es zu solchem millionenfachen Mord und der Entmenschlichung kommen konnte, unbeantwortet, werde das wohl auch bleiben. „Die Menschlichkeit hatte eine lange, kalte Auszeit genommen“, bemerkte der Landtagspräsident. Umso mehr gelte es, wachsam zu sein gegen viele Formen des Antisemitismus, der gegenwärtig offener zutage tritt. „Es reicht nicht, angewidert wegzublicken, sondern es gilt, deutliche Zeichen zu setzen“, betonte der Redner, „Antisemitismus ist immer gegen die ganze Gesellschaft gerichtet.“ Es gehe um Haltung im Klassenzimmer und bei unsäglichen Behauptungen von Politikern – es gehe um Haltung gegen die ganze Breite von Antisemitismus.

„Eine Wiedergutmachung ist nicht möglich, ein Erinnern schon. Die richtet sich gegen das planvolle Vergessen“, unterstrich Rhein. Henry und Emma Budge förderten mit der Gründung ihrer Stiftung vor 100 Jahren das aufeinander Zugehen von Menschen christlicher und jüdischer Religionszugehörigkeit.

Der Landtagspräsident freute sich, Zeitzeugen wie Trude Simonsohn zu begegnen, Gespräche mit ihnen seien ein Geschenk. „Es ist bitter nötig, den Anfängen zu wehren“, betonte Rhein.

Es seien Bilder des vergangenen Jahres, die ihm nicht aus dem Kopf gingen; die von Schüssen gezeichnete Tür der Synagoge in Halle, der ermordete Regierungspräsident Walter Lübcke. „Neutralität und Untätigkeit sind da keine Optionen“, schlussfolgerte Rhein. Demokratie verlange Tätigkeit, um sie zu erhalten. „In einem Land, in dem Juden nicht leben können, wollen wir nicht leben. Gedenken ist auch der Blick nach vorn; Freiheit und Demokratie brauchen Einsatz und Mut. An diesem besonderen Tag in der Budge-Stiftung zu sein, ist mir eine Ehre“, schloss der Landtagspräsident.

Anschließend wurden wie stets an Gedenktagen sechs große Kerzen angezündet, sie erinnern an die sechs Millionen Opfer des Holocaust.

An diesem Ritual beteiligten sich Boris Rhein und weitere Ehrengäste sowie Bewohner und Mitarbeiter der Stiftung. Für die musikalische Umrahmung der Gedenkstunde sorgte Andreas Reichel.

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