„Warum war ich plötzlich anders?“

Zeitzeuge Helmut „Sonny“ Sonneberg besucht die Pestalozzischule

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Helmut Sonneberg inmitten der 4b mit Liliana Alem (links) und Helga Göpper.

Die Mädchen und Jungen aus der 4b der Pestalozzischule hatten sich mit ihren Lehrerinnen Helga Göppel und Liliana Alem gut auf diese Gesprächsrunde vorbereitet.

Seckbach – Als im November 2019 im Riederwald zwei Plätze nach Cäcilie Breckheimer und Maria Juchacz benannt wurden, entstand die Idee, sich auf Spurensuche zu begeben. Die Enkelin von Cäcilie Breckheimer hat die 4b besucht. Mit dem Projekt bewirbt sich die Klasse um den Frankfurter Schulpreis, der diesmal unter dem Motto „Was ist gerecht?“ steht.

Zwei Mädchen schreiben auf die Tafel „Herzlich willkommen Helmut“, malen Herzchen und Blümchen dazu. Dann kommt Helmut „Sonny“ Sonneberg, begrüßt die Kinder, freut sich. Liliana Alem stellt die Klasse 4b vor. Dann beginnt der 88-jährige Sonneberg, von sich zu erzählen: „Ich wurde katholisch getauft, war Messdiener im Dom. Doch das half alles nichts.“ Auch seine jüdische Mutter nahm den christlichen Glauben an – doch auch das zählte später nicht.

Sonneberg ist ein echter Frankfurter Bub, wurde im Juni 1931 geboren, wuchs in der Fahrgasse auf, wurde von seinem Stiefvater wie ein eigener Sohn behandelt. Im Frühjahr 1933 zog die inzwischen vierköpfige Familie in den Wollgraben, die heutige Rechneigrabenstraße.

„Als am 9. und 10. November 1938 die Synagogen lichterloh brannten, meine Mutter weinte und keiner versuchte, das Feuer zu löschen, änderte sich alles“, erinnert sich Sonneberg. „Warum war ich plötzlich anders? Das verstand ich nicht. Wir haben doch alle noch gemeinsam auf der Straße gespielt.“ Ab 1941 müssen Juden den gelben Stern tragen, sind Beleidigungen und Bestrafungen wehrlos ausgesetzt. 1942 darf „Sonny“ nicht mehr zur Schule gehen, auch das war kaum zu verstehen und schwierig zu ertragen. „Ich habe zuhause die Betten gemacht, geputzt und die Treppe gekehrt.“

Frankfurt Seckbach: Zeitzeuge besucht die Pestalozzischule

1943 musste die Familie in ein „Judenhaus“ umziehen, in dem nur jüdische Menschen wohnten. Und als seien diese Demütigungen nicht genug, wurden Helmut und seine Mutter noch am 14. Februar 1945 – da war Auschwitz bereits befreit – nach Theresienstadt deportiert. „Die Ankunft war schlimm, wir hatten so viel Angst, die grellen Scheinwerfer, das Gebrüll und das Hundegebell schreckten uns“, sagt er.

„Hast du dich denn besser gefühlt, weil deine Mama auch da war?“, fragt ein Junge. „Ja“, antwortet „Sonny“, „meine Mama durfte zwar nicht bei mir wohnen, aber ich konnte sie jeden Tag besuchen.“ Eine von vielen Fragen der Kinder.

Schlimm war, dass man sich nicht wehren konnte, nicht fragen durfte, kaum etwas zu essen bekam.

Im Juli 1945, nach überstandener Quarantäne und einer mühsamen Rückreise, kommen Sonneberg und seine Mutter wieder in Frankfurt an. Der 14-Jährige wiegt 27 Kilo. Die Familie findet wieder zusammen. „Sonny“ lernt Autoschlosser und tritt 1946 Eintracht Frankfurt bei. „Bis ich viel später mitbekam, dass der Eintracht-Präsident Rudolf Gramlich ein Nazi war. Da bin ich ausgetreten“, sagt Sonneberg. 2020 wurde dem 1988 verstorbenen Gramlich die Ehrenpräsidentschaft aberkannt. Und Peter Fischer, Präsident der Eintracht, überreichte Sonneberg, der selbst bei der Eintracht gespielt hatte und bis heute großer Fan ist, die Ehrenmitgliedschaft auf Lebenszeit.

Am Ende des ungewöhnlichen Unterrichts holt „Sonny“ Postkarten aus der Tasche. Sie zeigen ihn in selbst geschneiderter Eintracht-Kleidung mit Zylinder und Regenschirm in einem beschrifteten VW-Käfer 1959 auf dem Weg nach Berlin: „Als die Eintracht dann Meister wurde, war das schon etwas ganz Besonderes“, sagt er und strahlt.

(jf)

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