Naht für Naht steigt das Selbstwertgefühl

Team der Mode-Kreativ-Werkstatt besteht aus 25 Näherinnen

Akberet, Maren Kurth-Zingelmann und Sima arbeiten in der Mode-Kreativ-Werkstatt der Diakonie der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach. Foto: Rolf Oeser/p
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Akberet, Maren Kurth-Zingelmann und Sima arbeiten in der Mode-Kreativ-Werkstatt der Diakonie der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach.

Sima setzt feine Nadelstiche in grünen Filz. Unter ihren Händen entstehen der Stängel einer Tulpe, ein Blatt und eine Blüte.

Nordend-Ost - Die aus Afghanistan stammende Frau und ihre Kolleginnen aus der Mode-Kreativ-Werkstatt des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach nähen Dekorationen für Ostern.

Die Nähmaschinen surren. Maren Kurth-Zingelmann läuft zwischen den Tischen hin und her, gibt Tipps, beantwortet Fragen. Nur ein paar Schritte über den Hof liegt die Boutique „Samt & Sonders“ der Diakonie. Dort stapeln sich fertige Stofftulpen zum Verkauf in Kartons. 202 Stück haben die Näherinnen gefertigt. Eine Stunde, schätzt Sima, dauert es, eine Tulpe zu nähen.

Jeden Morgen sitzen die 25 Näherinnen der Mode-Kreativ-Werkstatt und ihre Anleiterin Maren Kurth-Zingelmann in einem Kreis, besprechen, was gut lief und was nicht. Auch die Preise für ihre Produkte legen sie zusammen fest: Eine Tulpe kostet vier Euro, drei kosten zehn Euro. Ein Häschen ist für drei Euro zu haben, zwei kosten fünf Euro.

Frankfurt Nordend-Ost: Mode-Kreativ-Werkstatt näht Dekorationen für Ostern

Akberet arbeitet fast drei Jahre in der Werkstatt. Sie und die anderen Näherinnen sind in einer Arbeitsgelegenheitsmaßnahme für 1,50 Euro pro Stunde beschäftigt, vermittelt vom Jobcenter Frankfurt, das das Projekt finanziert. Eine Ausbildung hat Akberet, die aus Eritrea stammt und 2006 nach Deutschland kam, nicht. „Ich habe hier nähen gelernt“, sagt sie stolz. Sie lächelt Sima an: „Wir haben Spaß mit den Kolleginnen, wir halten zusammen und helfen uns.“ Sima wurde in Afghanistan zur Schneiderin ausgebildet und fertigte dort Kleidung an. In der Mode-Kreativ-Werkstatt arbeitet sie nun an ganz anderen Produkten – Brotkörbchen für den Ostertisch, Eierwärmer in Hasenform, Rucksäcke und Kosmetiktäschchen. Seit fünf Jahren lebt Sima in Deutschland, seit fünf Monaten arbeitet sie in der Mode-Kreativ-Werkstatt.

Schon lange näht die Werkstatt Gemüsebeutel, sie entwickelte einen Strickschwamm, der so funktioniert, wie Spülschwämme mit Plastik und stellt Bienenwachstücher her. „An nachhaltigen Produkten hängt mein Herz“, sagt Kurth-Zingelmann. Sie fing schon früh damit an, stieß zunächst auf Skepsis, „aber hier im Nordend ziehen unsere Kundinnen bei dem Thema mit“. Dieses umweltfreundliche Engagement wurde kürzlich mit dem Stadtteilpreis zum Thema „Nachhaltigkeit“ des Ortbeirates 3 ausgezeichnet.

Frankfurt Nordend-Ost: Nähen für ein besseres Selbstwertgefühl

Die meisten Frauen in der Werkstatt sind zwischen 50 und 60 Jahre alt, „viele hatten zuvor keine berufliche Identität und haben noch nie in Deutschland gearbeitet“, sagt Susanne Gietz-Shaikh. Die Diplom-Sozialpädagogin koordiniert die Werkstatt. Maximal können die Frauen drei Jahre lang an einer Arbeitsgelegenheitsmaßnahme teilnehmen. „Viele würden am liebsten bis zur Rente bei uns bleiben“, sagt Gietz-Shaikh. Der Lohn wird nicht auf den Hartz IV-Satz angerechnet, das heißt, die Frauen verdienen ein Zubrot in Höhe von rund 150 Euro pro Monat. Zu Beginn verbringen alle Frauen zwei Wochen in der Secondhand-Boutique. Dort werden ihre Produkte verkauft. Im Laden an der Rohrbachstraße 54 im Nordend werden sie in alle Abläufe eingeführt, von der Spendenannahme über den Verkauf bis hin zur Änderungsannahme von Kleidungsstücken für die Werkstatt.

„Die Frauen lernen, dass sie etwas können, ihr Selbstwertgefühl wächst spürbar“, sagt Kurth-Zingelmann. Sie war früher selbstständig, produzierte knapp 30 Jahre Kleidung für eine Modeboutique und für Designer, bevor sie vor elf Jahren die Werkstatt mit aufbaute. Sie weiß, wie schwer es ist, in der Textilbranche in Deutschland Arbeit zu finden. Nur zwei der Teilnehmerinnen aus den vergangenen Jahren gingen auf weiterführende Schulen, machten fachbezogen eine Ausbildung Richtung Schneiderei und Design. Trotzdem ist Kurth-Zingelmann überzeugt, dass sich ein höheres Selbstwertgefühl, Kenntnisse über Rechte und Pflichten und ein besseres Deutsch positiv auf Bewerbungen auswirken.

(red)

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