Bundeszentrale für politische Bildung diskutiert mit Experten über digitale Nachhaltigkeit

Vom Kampf um den Boden zum Kampf um Aufmerksamkeit

Timo Daum, Moderatorin Vera Linz und Henning Vöpel (von links) diskutieren im Osthafenforum über digitale Nachhaltigkeit. Foto: Faure

Ostend (jf) – Im Osthafenforum in der Lindleystraße sprach Henning Vöpel, seit 2014 Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts zur ökologischen Nachhaltigkeit digitaler Technologien.

Die Bereiche Infrastruktur, Sicherheit und Befähigung spielten in der Digitalisierung eine große Rolle. „Wir befinden uns allerdings im Anfangsstadium“, stellte Vöpel fest. Die alte Welt kollabiere mit der Digitalisierung, der zweiten großen Umwälzung nach der Industrialisierung. „Wir stehen vor einem Kulturwandel“, sagte der Experte. Weltweit gebe es sehr unterschiedliche Ansätze zum Thema Digitalisierung.

Der Physiker Timo Daum begann seinen Vortrag mit einem Beispiel: „Google kooperiert mit dem Gesundheitsdienstleister Ascension in den USA und kommt damit an ungeheure Datenmengen im Konkurrenzkampf mit IBM. Google will die Daten zur Entwicklung der Künstlichen Intelligenz nutzen und diese Ergebnisse wieder an den User verkaufen. Deshalb sind bei den digitalen Technologien Regulierung, eventuell Zerschlagung und Wiederbeschaffung von Daten notwendig“, sagte der Fachmann. Die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) sei eine gute Sache auf dem Gebiet der Regulierung. Aber Datensammlungen werden dabei nicht angetastet. Deshalb müssten globale Konzerne, wenn notwendig, zerschlagen werden.

Fragwürdig sei eine Daten-Sharing-Pflicht, denn bereits Einstein verdeutlichte: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Fest steht, dass personenbezogene Daten die wertvollsten Rohstoffe der Welt sind. Deshalb ist der Umgang mit ihnen so wichtig.

„Eigentlich ist Digitalisierung das falsche Wort“, sagte Vöpel. 2017 seien weltweit so viele Daten erfasst worden, wie in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor. „Es geht eher um Vernetzung“, äußerte der Fachmann. Aber Datenbesitz löse zunehmend das physische Kapital ab. „Doch die kollektive Datenressource wird von Konzernen privatisiert“, wandte Daum ein. Vöpel konterte mit einem Beispiel: „In Ruanda werden Drohnen genutzt, um Krankenhäuser mit Medikamenten zu versorgen. Eine sinnvolle Maßnahme.“

Daum nannte eine andere Tatsache: „Die USA haben das beste Gesundheitssystem der Welt, aber unglaublich vielen Menschen ist der Zugang aufgrund des ökonomischen Modells verwehrt.“

Daum sieht in der digitalen Technologie eine neue Form der Ausbeutung: „Der User liefert seine Daten kostenlos Tag und Nacht.“ Dabei falle die Ausbeutung weniger auf, denn meist tausche der User Daten aus und habe noch Spaß dabei.

„Wir müssen beraten, was wir ermöglichen und was wir verhindern wollen. Wenn wir beispielsweise die landwirtschaftlichen Erträge aufgrund gesammelter Daten und nicht mit Dünger steigern können, wäre das ein nachhaltiger Erfolg für das Klima“, bemerkte Vöpel.

7,5 Milliarden Menschen gebe es derzeit auf der Erde, davon haben vier Milliarden ein Datenendgerät. Die vielen Facebook-Mitglieder, weltweit etwa zwei Milliarden, zwingen Menschen auf diese Plattform, erläuterte Vöpel.

„Digitaler Kapitalismus kann nicht nachhaltig sein. Mark Zuckerberg entschuldigte sich für den Datenklau und zuckte gleichzeitig mit den Schultern – er könne nicht anders, sonst gehe das Geschäft an die Konkurrenz“, bemerkte Daum. So sei Facebook zur vierten Gewalt geworden – eine neue Situation. Sichtbar wurde an diesem Vormittag: Gab es früher noch den Kampf um den Boden, anschließend den Kampf um das Kapital geht es heute um die Aufmerksamkeit. Zu entscheiden ist in den nächsten zehn Jahren, ob der fossile Kapitalismus weiter vorangetrieben werden soll, oder ob eine ökologische Wende der Industriegesellschaft eingeleitet wird.

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